Nach sechs Jahren digitaler Forschung und virtueller Experimente feierten das Dortmunder U und das storyLab kiU den Abschluss des Projekts Page 21. Worum es dabei geht, das erläuterten die Redner*innen und das erlebten die Besuchenden.
Im Projekt „Page 21“ erforschten Harald Opel und sein Team des storyLab kiU, wie immersive Technologien als narrative und vermittelnde Werkzeuge für zeitgenössische Kunst und Museen nachhaltig eingesetzt werden können. Dieser Satz war bei der Feier am 12. März im Dortmunder U so oder ähnlich zu lesen und zu hören. Ein Satz für Fortgeschrittene.
Immersiv bedeutet, dass man darin eintauchen, sich als Teil des Geschehens fühlen kann, zum Beispiel mit 3D-Darstellungen und VR-Brillen. Narrativ bedeutet erzählend. Vermittelnd bedeutet verständlich machen. Nachhaltig bedeutet dauerhaft und mit akzeptablem Aufwand.
Page 21 ist ein Versuch
Für Neulinge könnte der Satz also lauten: Das Projekt „Page 21“ erforscht, wie man mit Computern und Beamern Bilder und Objekte aus Museen so darstellt, dass man darin eintauchen kann und sich als Teil des Kunstwerks wahrnimmt. Es ist der Versuch, für alte Kunst ein neues Format zu finden. Eine Form, die in diese Zeit und in die Zukunft passt.
Das ist viel schwieriger, als es klingt. Aber es ist dringend notwendig. Denn die aktuelle Welt mit Social Media, VR und KI ist weit weg von handgemalten Bildern, modellierten Objekten und Geschichten in Büchern. Der Gang ins Museum, das Sich-Einlassen auf ein Ölgemälde, eine Plastik oder selbst auf ein Buch, verlangt von uns eine Abkehr von unserer gewohnten Wahrnehmung. Das mag für Geübte erholsam sein, aber die Kluft zwischen dem weniger geübten Großteil der Menschen und der Kunst wächst.
So ist Page 21 kein Abwenden von der alten Kunst, im Gegenteil, es ist Ausdruck der Überzeugung, dass diese Werke für uns nach wie vor wertvoll sind. Es ist der Versuch, sie zu retten, sie hinüber zu geleiten in unsere Welt, sie hier und jetzt wieder verständlich zu machen.
Page 21 ist ein Raum, der innen größer ist als von außen
Das Ergebnis ist der Immersive Raum: ein etwa vier mal vier Meter große Fläche, umgeben von drei Wänden und bespielt von mehreren Beamern. Mittels Sensoren reagieren die Beamer auf die Bewegungen der Person auf der Fläche.
So kann sie zum Beispiel scheinbar durch die projizierte Umgebung hindurchlaufen und Veränderungen auslösen, etwa Gebäude öffnen und hineinschauen oder die Geschichte vorantreiben. Das Kunstwerk, das sich nur betrachten lässt, wird zu einer Geschichte, die sich spielen lässt.
Page 21 ist eine neue Welt
Im Foyer des Dortmunder U berichteten die Beteiligten, wie sie die sechs Jahre Forschung erlebt haben, und erläuterten ihr Verständnis dieses großen Experiments. „Wir starteten damals mit vielen Fragezeichen“, sagte Regina Selter, Leiterin des Dortmunder U. „Es war für uns eine neue Welt.“
Diese Pionierarbeit habe sich gelohnt: „Es wird über das Förderende weiterwirken.“ Bürgermeisterin Ute Mais bekräftigte, bei diesen „ganz neuen Erzählformen“ gehe es nicht darum, die Museen zu ersetzen. „Im Gegenteil, es ist eine Ergänzung.“
Page 21 ist ein Lexikon
Harald Opel, Leiter des kiU und des Projekts Page 21, verglich Page 21 mit einem Palimpsest. Das ist ein Papier, dessen ursprünglicher Text abgeschabt wurde, um neu beschrieben zu werden. Eine im Mittelalter übliche Sparmaßnahme im Umgang mit einem damals teuren Material. So enthalten viele Texte des Mittelalters Spuren von älteren, ganz anderen Gedanken (die mittels moderner Technik sichtbar gemacht werden können).
„Auch Kunstwerke sind keine festen, abgeschlossenen Dinge“, sagte Harald Opel. Im Immersiven Raum können „bekannte Arbeiten plötzlich, im Kontext unserer Gegenwart, unserer gesellschaftlichen Fragen, etwas Neues erzählen. Weil wir uns verändert haben.“ T.S. Eliot habe geschrieben, „dass wir am Ende all unseres Suchens vielleicht wieder am Ausgangspunkt ankommen – und den Ort dann zum ersten Mal wirklich erkennen.“
Page 21 ist zu Ende
Die Förderung für diese Kooperation mit dem Museum Ostwall und dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte von insgesamt 1,5 Millionen vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft ist nun regulär beendet. „Das war für uns wirklich eine große Summe für die neuen Künste“, sagte Nicola Hülskamp vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft, und danke Harald Opel: „Sie haben sich durchgebissen und dieses wunderbare Projekt vorangetrieben. Sie haben es geschafft.“
Das Team des storyLab kiU war während des Projekts um vier Stellen erweitert worden, die nur an Page 21 gearbeitet haben. Mit dem Projekt endet zum 31. März 2026 auch ihr Engagement.
Page 21 ist nicht zu Ende
„Die Seite“, sagte Harald Opel und meint damit die immer neu zu überschreibende Seite des Immersiven Raums, „bleibt offen. Sie wächst mit jeder neuen Perspektive, mit jeder neuen Verbindung zwischen Kunst und Gegenwart.“
Der Immersive Raum ist ab sofort während der gesamten Öffnungszeiten des Dortmunder U im Foyer besuch-, bespiel- und neu beschreibbar. Zehn Erzählwelten stehen zur Verfügung. Der Eintritt ist frei.