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Sozialer Aufstieg

Prof.in Möller: „Wir sind hochgradig ungerecht“

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Prof.in Dr. Christina Möller lehrt am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften und befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Bildungsungleichheit und sozialem Aufstieg.

Professorin Dr. Christina Möller hat mit „Die Mühen des Aufstiegs“ ein neues Sachbuch über soziale Ungleichheit und Bildungschancen vorgelegt. Im Interview für das fh-radar spricht die Wissenschaftlerin der FH Dortmund darüber, warum Herkunft in Deutschland noch immer über Bildungswege entscheidet, welche Folgen das für Aufsteiger*innen hat und warum ein grundlegender Umbau nötig wäre.

Frau Möller, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Bildungsgerechtigkeit und den ungleichen Aufstiegschancen in Deutschland. Frustriert es Sie, dass sich trotz all der Debatten so wenig zum Besseren verändert?

Christina Möller: Leider ist sogar das Gegenteil der Fall, es wird schlimmer. Deutschland steht bei der sozialen Aufstiegsmobilität inzwischen ähnlich schlecht da wie die USA. Das ist ein ernstes Problem, weil sozialer Aufstieg immer ein großes Versprechen war und dies nur noch selten eingelöst wird. Bildungsungleichheiten spielen hierbei eine große Rolle.

Woran machen Sie das fest?

Christina Möller: Das zeigen die Zahlen. Von 100 Grundschulkindern aus Akademiker-Haushalten beginnen 79 ein Studium, machen 64 ihren Bachelor- und 43 ihren Masterabschluss. Von 100 Kindern aus Nicht-Akademiker-Haushalten studieren nur 27 und nur 11 kommen bis zum Master. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die frühe Selektion nach der vierten Klasse und die Mehrgliedrigkeit im Schulsystem. Sie benachteiligen Kinder aus nicht privilegierten Familien. Bildungsforscher*innen weisen seit Jahrzehnten darauf hin, dass das System Aufstiege erschwert und Akademikerkinder bevorteilt. Noch mehr Zahlen? Kinder aus Arbeiterfamilien haben eine zwei- bis dreifach geringere Chance auf eine Gymnasialempfehlung – und zwar auch bei identischen kognitiven Fähigkeiten und Lesekompetenzen. Wir sind hochgradig ungerecht, und das ist ein strukturelles Problem.

Der sogenannte Bildungstrichter. Die Grafik wurde mithilfe von KI grafisch bearbeitet und farblich nachgeschärft. Die ursprüngliche Version stammt von Anouk Almstedt/TU Braunschweig in Anlehnung an Stifterverband 2022: Chancengerechte Bildung. Vom Arbeiterkind zum Doktor und ist im Buch "Die Mühen des Aufstiegs" von Christina Möller abgedruckt. Eine inhaltliche Veränderung hat nicht stattgefunden.

Aber die Zahl der Kinder aus Nicht-Akademiker*innen-Familien, die aufs Gymnasium gehen, ist doch in den vergangenen Jahren stetig gestiegen …

Christina Möller: Richtig, aber es gibt auch viele, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Und der Weg zur Hochschule und zum Studienabschluss bleibt eben trotz allem ungleich. Hinzu kommt: Die privilegierten Schichten weichen inzwischen häufig auf noch exklusivere Bildungswege aus. Die Privatschulen boomen. Die Abstände zwischen den Schichten haben sich kaum verändert. Sie sind durch wachsende Armut eher größer geworden.

Ich habe noch eine Klischee-Frage dabei: Wollen Sie denn wirklich jeden an die Hochschule schicken?

Christina Möller: Es geht nicht darum, dass alle an die Hochschule sollen. Aber es darf nicht von der sozialen Herkunft abhängen, welcher Bildungsweg als der richtige gilt. Es gibt sehr viele sehr intelligente Menschen, deren Potenzial nicht ausgeschöpft wird. Das ist für sie persönlich schade und ungerecht und für die Gesellschaft ein Verlust. Denn wir brauchen viele gut gebildete Menschen, um aus den vielfältigen Krisen zu lernen und die anstehenden Transformationen anpacken zu können.

Workshop zur Sozialen Herkunft

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren?

Christina Möller: Wir brauchen den politischen Willen für einen großen Wurf. Andere Länder zeigen, dass integrative Schulsysteme funktionieren können. Finnland, andere skandinavische Länder und Kanada haben es vorgemacht. Dort wurde Schule so umgebaut, dass längeres gemeinsames Lernen möglich ist und es keine frühen Selektionen gibt. Genau das bräuchte es auch in Deutschland. Dazu gehören ausreichend Lehrkräfte, von denen wir bereits jetzt zu wenige haben, ebenso wie Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen in den Schulen. Natürlich gibt es auch in den genannten Ländern neue Herausforderungen, etwa durch Migration und heterogene Lerngruppen. Aber der Grundsatz bleibt: Unser System ist extrem selektiv. Deutschland und Österreich sind unter den moderneren Industrieländern die letzten, die noch so früh (aus)sortieren.

Länger gemeinsam lernen, klingt eigentlich nicht so schwierig. Warum ändert sich seit Jahren nichts?

Christina Möller: Weil es nicht nur um pädagogische Fragen geht, sondern auch um Macht und Klassenverhältnisse. Wer vom System profitiert, hat wenig Interesse daran, es zu verändern. Bildung ist eine wichtige Ressource, und sie hilft dabei, Status und Vorteile an die nächste Generation weiterzugeben. Das geschieht nicht immer bewusst, aber es stabilisiert bestehende Ungleichheiten.

Sehen Sie den politischen Willen, das Bildungssystem umzukrempeln?

Christina Möller: [schüttelt den Kopf] Im Gegenteil. Aktuell wird viel über Sozialabbau debattiert. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Und dass materielle Armut auch Bildungsarmut begünstigt, ist hinreichend belegt. Das Bildungssystem bleibt das Stiefkind und zudem unterfinanziert. Es passiert zu wenig, um es grundlegend zu verbessern und soziale Ungleichheiten abzubauen.

Cover des neuen Sachbuchs von Christina Möller

Ich könnte jetzt mal eine gute Nachricht verkraften. Gibt es auch eine hoffnungsvolle Botschaft?

Christina Möller: [lacht] Ja! Wir wissen sehr genau, was falsch läuft. Das ist ein Vorteil. Wenn wir ehrlich anerkennen, dass Herkunft im Bildungssystem noch immer viel zu viel zählt, können wir über wirksame Veränderungen sprechen. Mein Buch soll dazu beitragen: die Ungleichheiten sichtbar machen und die Debatte aus der Abstraktion holen. Ich möchte zeigen, wie stark Bildung und soziale Herkunft miteinander verknüpft sind und warum Bildungsaufstiege über hohe Bildungstitel so selten und mühsam sind. Dabei geht es nicht nur um Zahlen und Statistiken, sondern um Lebenswege, um Gefühle und um die Frage, wer in unserer Gesellschaft welche Chancen bekommt. Das dürfen wir nicht länger als Randthema behandeln.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch die sozialen Kosten eines Bildungsaufstiegs. Was steckt dahinter?

Christina Möller: Ein Aufstieg verändert Menschen. Man lernt eine andere, akademische Sprache, entwickelt oft einen anderen Geschmack und bewegt sich in anderen Milieus. Das kann zu Entfremdung von der Herkunftsfamilie oder von Freunden führen. Viele erleben das als ambivalent: Einerseits ist es ein Gewinn, andererseits kann es sehr einsam machen. Ich nenne das auch habituelle Heimatlosigkeit. Es geht auch um Klassenscham, um Angst und die Veränderungen des Selbst.

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Das klingt nach einem hohen Preis für Bildung.

Christina Möller: Es ist vor allem eine enorme Anstrengung. Aufsteiger*innen bewegen sich oft zwischen mehreren Welten und müssen ständig umschalten. Vor allem, wenn die soziale Distanz zwischen dem Elternhaus und akademischen Werdegängen sehr groß ist. Das ist belastend, aber es ist auch eine Kompetenz. Wer beides kennt, bringt häufig eine besondere Sensibilität mit, etwa für Ausgrenzung und Diskriminierung. Solche Erfahrungen können in verantwortungsvollen Positionen sehr wertvoll sein.

Welche Rolle kann die FH Dortmund in diesem Zusammenhang spielen?

Christina Möller: Die Selektion nach der Grundschule lässt sich an einer Hochschule nicht einfach ungeschehen machen. Trotzdem können wir viel tun, um Studierende besser zu begleiten. An der FH Dortmund haben wir verglichen mit den Universitäten viele soziale Aufsteigerinnen. Deshalb ist es wichtig, sensibel mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen umzugehen, zum Beispiel Texte gemeinsam zu erschließen und im Studium stärker zu unterstützen. Das kann viel bewirken. Dafür sollten wir sensibilisieren, denn wer selbst aus einer Akademiker*innen-Familie kommt, kann die Hürden für Aufsteiger*innen oft nur schwer nachvollziehen.

Dabei hilft ein Blick in Ihr Sachbuch, das im Kohlhammer-Verlag erschienen ist. Das geht unkompliziert über die digitale Ausgabe, die die FH-Bibliothek zur Verfügung stellt. (Hier geht’s direkt zum Buch ). Ich bedanke mich für das Gespräch.

  

*das Gespräch führte Benedikt Reichel