Für das deutschlandweite Verbundprojekt „Seelenarbeit im Sozialismus“ hat ein Forschungsteam der Fachhochschule Dortmund im Teilprojekt „Psychologie unter politischem Diktat und Justiz“ speziell die akademische Psychologie in der DDR untersucht. Projektleiterin war Dr. Susanne Guski-Leinwand vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.
Was ist für Sie die zentrale Erkenntnis Ihrer Forschung?
In unserem BMBF-geförderten Teilprojekt „Psychologie unter politischem Diktat und Justiz“ im Forschungsverbund „Seelenarbeit im Sozialismus: Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie (SiSaP)“ (Fördernummer 01UJ1908BY) ging es um drei Säulen: Zum einen um die Untersuchung der akademischen Psychologie über den Gesamtzeitraum der DDR, daneben um die Frage, wie Behörden und Ministerien Einfluss genommen oder an der Psychologie Interesse gezeigt haben. Und dann auch noch, wie das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) sich an der Psychologie beteiligt, bereichert bzw. bedient hat.
Die akademische Psychologie in der DDR war von politischen Vorgaben dominiert, so dass sich an nur wenigen Universitäten zwar Diplom-Studiengänge für Psychologie etablierten, diese aber zugewiesene Schwerpunkte ausbildeten, die politisch mit den wirtschaftspolitischen Vorgaben aus den Fünf-Jahres-Plänen der SED-Regierung begründet waren. Im Zentrum der DDR-Politik stand die Produktivität der Menschen und die politisch erwünschte Entwicklung der Menschen als „sozialistische Persönlichkeiten“, die eine sozialistische Gesellschaft tragen sollten. Vor diesem Hintergrund waren entwicklungspsychologische und pädagogisch-psychologische Fragestellungen ebenso wie sozialpsychologische Fragestellungen in der Forschung stark unter dem Fokus der Politik bzw. einzelner Ministerien, wie zum Beispiel dem Ministerium für Volksbildung, aber auch dem Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen. Man kann also von einer Instrumentalisierung der Psychologie sprechen. Hierüber haben wir auch in verschiedenen Publikationen ausführlich berichtet.
Außerdem haben wir vielfältige und aussagekräftige Fachliteratur wie Kongressberichte und Fachzeitschriften zur Psychologie mit namhaften Bildungsinstitutionen in Zusammenarbeit digitalisiert und somit als fachlich-kulturelles Erbe sichern können. Ebenso haben wir eine umfassende Bibliografie von Fachpublikationen in der DDR bzw. im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung als Datenbank zusammengestellt, die inzwischen an das Leibniz Institut für Psychologie in Trier überführt worden ist und somit dem wissenschaftlichen Nachwuchs, weiteren Forschungsvorhaben oder aber auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung steht.
Auch das Ministerium für Staatssicherheit orientierte sich an den jeweils aktuellen Strömungen und Schwerpunkten aus der akademischen Psychologie: Für die Juristische Hochschule des MfS in Potsdam wurden Teilbereiche und ausgewählte Konzepte der Psychologie zur Erstellung von -geheimen- Lehrmaterialien von Offizieren genutzt und als „graue Literatur“, zumeist gekennzeichnet als Geheime Verschluss-Sache (GVS), auch in Bereiche außerhalb der JHS verbreitet. Dazu gehörten verschiedene Behörden oder Kreisdienststellen etc.
Interessant fanden wir, dass die Richtung der Nutzung psychologischen Fachwissens nicht als Auftrag aus der Stasi heraus geschah, sondern die Stasi sich sozusagen „still“ bediente. Wir haben keine Hinweise gefunden, dass Psycholog*innen mit speziellen Aufträgen aus der Stasi beauftragt worden waren. Ebenso interessant fanden wir, dass in den geheimen Manuskripten der Stasi auch westliche Quellen psychologischer Fachliteratur genutzt wurden bzw. teilweise als Quellen auch genannt wurden.
Wie sind Sie mit Ihrem Team vorgegangen?
Wir haben einen interdisziplinären Forschungsansatz gewählt, unsere Projektgruppe bestand aus je zwei Historiker*innen und zwei Psycholog*innen bestand: Hierdurch konnten die fachspezifischen Ereignisse und inhaltlich sich verändernde Schwerpunkte und Themen zur jeweils gültigen Politik, politischen Ereignissen und Erlassen kontextualisiert werden. Das war sehr wichtig, um die Entwicklungen in der akademischen Psychologie, aber auch die Nutzung psychologischer Fachinhalte durch die Stasi als parallele Ereignisse zu den politischen Zielsetzungen und Herausforderungen erkennen zu können.
Wir haben multiperspektivisch geforscht, also unter verschiedenen Aspekten sowohl wissenschaftssoziologische Richtungen betrachtet (wobei es zum Beispiel um die Arbeit der wissenschaftlichen Fachgesellschaft für Psychologie ging) als auch wissenschaftspolitische und wissenschaftsanthropologische Vorgaben einbezogen etc. Die verschiedenen Mitarbeiter*innen waren in über 400 Archivtagen auswärts unterwegs und somit haben wir netzwerkartig die Bestände zusammengetragen.
Welche Herausforderungen haben sich im Projekt ergeben?
Allgemein bestand die größte Herausforderung darin, fachlich ausgewiesenes Material in unterschiedlichsten Archiven zu recherchieren und auszuwerten (verschiedene Universitätsarchive in Berlin, Jena, Leipzig, Dresden, Halle etc.), verschiedene Staats-/Hauptstaatsarchive, unterschiedliche Bereiche des Bundesarchivs in Berlin und Koblenz bzw. der Stasi-Unterlagen-Archive in Berlin, Erfurt und Dresden. Diese Archive unterscheiden sich zudem auch in der Art der Bestandsausweisung und Recherchemöglichkeiten. Hinzu kam gleich zu Beginn des zweiten Förderjahres die unerwartet lange Zeit der Corona-Pandemie, die umfassende und langdauernde Archivs- und Bibliotheksschließungen mit sich brachte.Weitere organisatorische Veränderungen (Umzug von Archivgut, Änderung der Kapazitäten in Lesesälen, Änderung von Zuständigkeiten in inhaltlichen Bereichen der Bestände, Änderungen von terminlichen Buchungssystemen u. a.) haben zeitliche Ressourcen gebunden, die zuerst als große Sorge um die Durchführung des Forschungsprojektes im Raum standen. Aus dieser Not heraus musste dann im Bundesland NRW nach zum Beispiel verfügbaren Bibliotheksbeständen mit DDR-Bezug gesucht werden. Bei dieser Suche sind wir auf eine Vielzahl von Institutionen in NRW gestoßen, die zum Thema DDR/SED-Politik/Wiedervereinigung oder Beratung von SED-Betroffenen und Opfern Angebote machen. Diese Institutionen haben wir dann systematisiert in einem weiteren, dem Hochschulentwicklungsplan für die Fachhochschule Dortmund zugeordneten Projekt, zusammengetragen.
Als Ergebnis hierzu haben wir in Zusammenarbeit mit SHKs, WHKs und Kolleg*innen in der IT der Fachhochschule Dortmund eine digitale Landkarte erstellt, die dem Aspekt der nachhaltigen Forschung und Bildung Rechnung trägt: Auf dieser Landkarte von NRW findet man übersichtlich Institutionen mit ihren unterschiedlichen Angeboten zur DDR-Thematik dargestellt. Sie finden diese digitale Landkarte unter der Rubrik „30 Jahre Deutsche Einheit: Orte der Forschung und Begegnung in NRW“ auf unserer Projektseite (Öffnet in einem neuen Tab) .