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Workshop „8 gegen 88“

Im Spannungsfeld Soziale Arbeit und Polizei

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Prof. Dr. Eva Groß von der Polizeiakademie in Hamburg argumentierte, die Polizei müsse Vorbild sein.

Abwechslungs- und perspektivenreich widmete der Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften den jüngsten Aktionstag „8 gegen 88“ dem Thema „Feindbild Polizei? Soziale Arbeit und Polizei in der Demokratie“. Elf Speaker*innen von drei Kontinenten beleuchteten nicht nur die Dortmunder Situation, sondern schilderten auch die Verhältnisse in Südafrika, Simbabwe und den USA – unter anderem aus der Perspektive des Hip-Hop.

Über demokratiebezogene Einstellungen in der Polizei referierte Prof. Dr. Eva Groß von der Polizeiakademie in Hamburg. Wie bei einem Eisberg, verglich sie, fußen die an der Oberfläche sichtbaren rechtsextremen Umtriebe auf darunter liegenden menschenfeindlichen Haltungen, wie sie auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden seien. Deswegen sei es nur folgerichtig, dass die vielfältigen Bemühungen der Polizei gegenzusteuern bereits in der Ausbildung ansetzen.

Der Anspruch der Polizei an sich selbst dürfe nicht damit erfüllt sein, ein Ebenbild der Gesellschaft darzustellen. Vielmehr müsse sie angesichts ihrer besonderen Rolle im Rechtsstaat als Organ zur Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols anderen zum Vorbild zu gereichen. Und zwar nicht nur durch sensibles Vorgehen der Polizist*innen bei besonderen Problemlagen, sondern in ihrem gesamten Handeln.

Prof. Dr. Dierk Borstel (2.v.l.) moderierte die Talkrunde mit Polizeisprecher Peter Bandermann (v.l.), Deniz Greschner vom Multikulturellen Forum und Mirza Demirovic von der Nordstadtliga.

Die Dortmunder Situation

Über den Umgang der Dortmunder Polizei mit Menschen mit Migrationshintergrund diskutierten Deniz Greschner vom Multikulturellen Forum, Mirza Demirovic von der Nordstadtliga und Polizeisprecher Peter Bandermann. Am Beispiel des 2022 in Dortmund von einem Polizisten während eines Einsatzes getöteten, 16-jährigen Mouhamed Lamine Dramé, der allein aus Senegal geflüchtet war, erörterten die Teilnehmenden die Umstände, die zu diesem Unglück beigetragen haben mögen: Eine zu wenig kritisierte, oft unbewusste Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft und in der Polizei auf der einen Seite und ein großes Misstrauen von Jugendlichen, vor allem von solchen mit Migrationshintergrund, gegenüber der Polizei auf der anderen.

Die Teilnehmenden benannten auch die Möglichkeiten, um solche Unglücke in Zukunft zu vermeiden: Selbstreflexion bei der Polizei und ihre ehrliche Zusammenarbeit mit den multikulturellen Initiativen und ein weiterhin unermüdliches Engagement zur Verständigung aller Beteiligten.

Dr. Travis Harris räumte mit einigen falschen Überzeugungen in Bezug auf Polizei und Hip-Hop auf.

USA: Polizei und Hip-Hop

Den Bogen von der Polizeigewalt zum Hip-Hop spannte Dr. Travis Harris, Assistant Professor von der Norfolk State University (USA). Von der „law-and-order“-Politik in den USA der 1960er-Jahre über den politisch ausgerufenen „war on drugs“ und den „cold war“ zeichnete Dr. Harris die planvolle Militarisierung der US-amerikanischen Polizei nach und damit das zunehmende staatliche Machtgefälle zuungunsten der schwarzen Bevölkerung. Während der Staat die Identität der Schwarzen negiere, fänden diese sie im Hip-Hop wieder.

Denn Hip-Hop sei keine afro-amerikanische Musik der vergangenen Jahrzehnte, sondern ein zeit- und ortsunabhängiges Phänomen als Folge der unfreiwilligen Vertreibung aus Afrika: „They found a way of being, they found life in hip-hop“. 

Dr. Sina Nitzsche (r.) moderierte die Runde mit den Gästen aus Südafrika, Simbabwe und den USA.

Die globale Perspektive

In der abschließenden Diskussion mit Gästen aus den USA, Südafrika und Zimbabwe wurde deutlich, dass Polizeigewalt nicht nur als Gewalt von Weißen gegenüber Schwarzen verstanden werden sollte. Eindrucksvoll schilderten die Soziologie-Professor*innen Gesemia Nelson und Karim Adibifar, beide von der Metropolitan State University Denver, das Unsicherheitsgefühl von Schwarzen in den USA, wo unter den Polizeiopfern sechsmal mehr Schwarze als Weiße zu finden sind, und wo selbst beruflich erfolgreiche schwarze Eltern ihren Kindern einschärfen, bei jedem Kontakt mit der Polizei nichts weiter als ihre Namen zu nennen und ansonsten darauf zu bestehen, ihre Eltern anzurufen.

Mit Sunungurayi Charamba und Tapiwanashe Gladys Simango aus Simbabwe sowie Nomusa Munoangira und Bongane Morris Mzinyane aus Südafrika nahmen an der Gesprächsrunde vier Doktorand*innen aus Afrika teil, die zurzeit am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund zu Gast sind. Sie plädierten für eine differenzierte Betrachtungsweise: „‘Die Polizei‘ sind nicht in erster Linie einzelne Menschen, sondern es ist ein System.“ Insbesondere in den Ländern des Globalen Südens gelte es, so waren sich die Teilnehmenden einig, das Thema kritisch als koloniale Aufarbeitung zu betrachten und staatliche Strukturen neu zu formulieren.

Die Gespräche moderierten Prof. Dr. Dierk Borstel vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften und Dr. Sina Nitzsche von der Zukunftswerkstatt der FH Dortmund. Prof. Dr. Katja Nowacki, Dekanin des Fachbereichs Angewandte Sozialwissenschaften, eröffnete die Veranstaltung.

Der Aktionstag „8 gegen 88“

Das Format „8 gegen 88“ widmet sich mit jährlichen Veranstaltungen Themenfeldern wie Rechtsextremismus, Rassismus, Populismus und Gefährdungen der Demokratie. Die „8“ steht dabei für den Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften und die „88“ für einen Code der rechtsextremen Szene, der den Hitlergruß symbolisiert.