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Vom Geflüchteten zum Stufenbesten

Im Krankenhaus begann er Deutsch zu lernen - jetzt ist er Jahrgangsbester.

Hosam ist in der Zwölften, Klassenbester und im TalentScouting. Nichts Besonderes? Und ob!

Als die Bombe im Sommer 2012 ein paar Meter neben ihm einschlug, wollte er nur etwas aus der Apotheke besorgen. Und wäre der Apotheker da gewesen, wäre Hosam jetzt vermutlich nicht in Deutschland. Dafür könnte er noch mit beiden Augen sehen. Doch Glück im Unglück verlor er „nur“ ein Auge – und nicht sein Leben. So sieht Hosam das jedenfalls. Obwohl es nicht ganz stimmt. Denn es war nicht nur sein Auge, sondern ein großer Teil seiner rechten Gesichtshälfte, der durch die Splitterbombe zerstört wurde; die Verletzungen im Brust- und Bauchbereich sind da fast zu vernachlässigen. Entsprechend schwierig war die Operation. Im syrischen Homs konnten die Ärzte ihm nur bedingt helfen, er musste in Europa oder den USA behandelt werden.

Ein Medienbericht mit Folgen

Vom Klinikzentrum Dortmund-Nord bekam er schließlich ein Behandlungsvisum. Zusammen mit seinem Vater durfte der damals 14-Jährige nach Deutschland, in zwei 15-stündigen Operationen wurde sein Gesicht wieder weitgehend hergestellt. Nur das Auge war nicht mehr zu retten. Der WDR griff die Geschichte auf, berichtete über ihn. Und Hosam unterließ es nicht, sich regierungskritisch zu äußern, wies darauf hin, dass die Bombe vom Assad-Regime gekommen sein musste. Das hatte zur Folge, dass sein Vater und er nicht mehr nach Syrien einreisen durften. Und hatte zur Folge, dass der Rest seiner Familie in Syrien damit rechnen musste, ins Gefängnis zu kommen. Quasi über Nacht flüchteten seine Mutter und seine drei Brüder deshalb nach Ägypten.

Einmal wiederholt, dann wiederholt Bester

Währenddessen begann für Hosam langsam das Leben in Deutschland. Statt Suppen, Brei und eingeweichtem Brot konnte er bald wieder normale Nahrung zu sich nehmen. Und noch im Krankenhaus begann er, Deutsch zu lernen. Im September 2013 kam er schließlich in eine Willkommensklasse für Geflüchtete an die Anne-Frank-Gesamtschule. Ein wichtiger Schritt. Noch wichtiger für ihn: Als seine Mutter und seine drei Brüder im Februar 2014 nach Deutschland einreisen durften. Nach dem Sommer ging es für Hosam dann in einer „normalen“ 10. Klasse weiter. Sein Deutsch krankte zu dieser Zeit aber noch, er fiel durch. „Das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er heute. Trotzdem erkannten auch die Lehrer sein Talent, förderten ihn, er selbst lernte eifrig und im darauffolgenden Jahr war er mit einem Notenschnitt von 1,1 Jahrgangsbester. In der elften Klasse das gleiche: wieder 1,1, wieder Jahrgangsbester. Und mittlerweile auch als Nachhilfelehrer für seine Mitschüler aktiv.

Seine Zukunft hat er schon geplant

Zugegeben, die Intelligenz kam nicht über Nacht: Auch in Syrien war Hosam Klassenbester, gefördert von seinen Eltern: die Mutter Arabisch- und Kunstlehrerin, der Vater erfolgreicher Unternehmer. Jetzt ist er in der 12. Klasse, anderthalb noch bis zum Abi. Wie es danach weitergehen soll, weiß er schon: mit einem Medizin-Studium. Für TalentScout Julia Eberlein eigentlich ein Leichtes, denn welche Unterstützung braucht jemand wie er überhaupt? „Um für einen fließenden Übergang in die Hochschule zu sorgen, habe ich ihm letztes Jahr vorgeschlagen, zur Orientierungswoche an die WWU Münster zu gehen. Damit er schon mal Uni-Luft schnuppern kann“, erklärt sie. Und die hat Hosam so gut gefallen, dass er dieses Jahr direkt wieder hin will. „Sein Wissensdrang ist enorm“, sagt Julia, „deshalb denke ich auch, dass die Deutsche Schülerakademie, ein Sommerferienprogramm für besonders leistungsstarke Schüler, was für ihn ist.“ Dafür unterstützt sie ihn bei der Bewerbung und nicht zuletzt will sie auch versuchen, ihm zu einem Stipendium zu verhelfen. „Hosam hat ja nicht nur gute Noten, sondern ist auch politisch sehr engagiert, unter anderem bei den Jusos in der SPD und als Mitglied bei der TD-Plattform, einem Verein von Türkisch-Deutschen Studierenden und Akademikern.“ Bei so vielen Talenten sollte das klappen.