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Vom Arbeiterkind zur Abiturientin

Im Bundesfreiwilligendienst sammelt Chantal gerade Praxiserfahrung.

Chantal hat im Abi einen Schnitt von 3,3 und passt trotzdem ins TalentScouting. Warum eigentlich?

„Wir schauen eben nicht nur auf die Noten“, erklärt TalentScout Julia Eberlein, „sondern auf die Leistung im Kontext, das Umfeld und die Entwicklung einer Person.“ Im Fall von Chantal bedeutet das, dass sie in der Dortmunder Nordstadt aufgewachsen ist, trotz herber Rückschläge niemals aufgegeben hat und schließlich als Erste in ihrer Familie das Abi gemacht hat.

Abiturientin mit Hauptschulhintergrund

Für Chantal war Schule kein Selbstläufer. Auf der Realschule sei sie „einfach nicht klargekommen“, weshalb sie in der 6. Klasse auf die Hauptschule gewechselt ist. Von den schulischen Leistungen her war das ihr Tiefpunkt, von da an ging es bergauf. Auf der „Schule am Hafen“ hat sie sich bis zum Realabschluss mit Qualifikation fürs Gymnasium, kurz FOR-Q, durchgebissen und um das Abi zu machen, ist sie danach an die Anne-Frank-Gesamtschule gegangen. Die Elfte hat Chantal überstanden, die Zwölfte wiederholt. „Freiwillig“, wie sie betont, „aber mein Schnitt war auch schlecht“. Nach dem Tod ihres Opas, zu dem sie ein enges Verhältnis hatte und der sich immer ein Enkelkind mit Abi wünschte, hat sie sich sogar überlegt abzubrechen. Doch sie hat weitergemacht.

Abi first

Über die Zukunft hat Chantal lange Zeit keine Gedanken verloren, auch nicht in der 13-ten. Eine Lehrerin, die sie bereits aus ihrer Hauptschulzeit kannte, hat Chantal deshalb für das TalentScouting vorgeschlagen. „Bei unserem ersten Gespräch im Februar 2017 war sie noch völlig orientierungslos. Wir haben deshalb erstmal versucht, mögliche Berufsfelder für Chantal zu finden. Einen Online-Test habe ich ihr auch empfohlen“, sagt TalentScout Julia. Chantal half das, Gestaltung und Erziehung kamen in die engere Auswahl. „In den weiteren Gesprächen hat sich dann herausgestellt, dass etwas Pädagogisches wohl tatsächlich gut zu ihr passt“, so Julia. Doch sollte sie wie ihre drei Geschwister eine Ausbildung machen? Oder lieber Erziehungswissenschaften studieren? Chantal war sich unsicher. „Wir sind deshalb zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, wenn sie erstmal Praxiserfahrung sammelt und Einblicke in die Arbeit mit Kindern bekommt“, berichtet Julia.

Bufdi auf der Schatzinsel

Für die Bewerbung zum Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) brauchte Chantal eine Bewerbungsmappe – die sie nicht hatte. „Für das Motivationsschreiben hat mich Julia deshalb zur Schreibberatung ans TalentKolleg Ruhr nach Herne geschickt“, sagt Chantal. Dort ging es Schlag auf Schlag. Denn die Beraterin vor Ort, Hilke Birnstiel, hat gemerkt, dass Chantal dazu neigt, Sachen auf die lange Bank zu schieben. „Wir haben an dem Tag nicht nur das Motivationsschreiben fertiggemacht, sondern auch gleich ein Foto von mir geschossen, so dass ich meine Bewerbung direkt rausschicken konnte“, erzählt Chantal begeistert. Und noch besser: Sie wurde genommen. Seit September 2017 ist sie nun Bufdi bei der Schatzinsel, der Schulkindbetreuung der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund. Die Arbeit dort macht ihr Spaß, weshalb sie gerne im pädagogischen Bereich bleiben würde. Wie geht es also weiter? „So richtig sicher bin ich mir noch immer nicht“, sagt Chantal. Zum Glück für sie begleiten die TalentScouts ihre Talente auch über die Schule hinaus. Einmal hat sie mit Julia nach ihrem Abi schon gesprochen. Demnächst treffen sie sich aber wieder, um zu planen, wie es nach der Zeit als Bufdi tatsächlich weitergeht.