„Ich werde meine Chance nutzen, etwas Gutes zu machen“

Osama bewarb sich erfolgreich um ein START-Stipendium

Zukunftspläne hatte Osama nicht, als er im September 2014 aus seiner syrischen Heimat über den Libanon nach Deutschland kam – die Flucht vor dem Bürgerkrieg war zum damaligen Zeitpunkt alles, was für ihn und seine Familie zählte. Vier Jahre später hat er den Realschulabschluss am Cuno-Berufskolleg I Technik der Stadt Hagen gemacht, dank eines Notendurchschnitts von 2,4 den Zugang zur gymnasialen Oberstufe erworben und sich erfolgreich um ein START-Stipendium beworben.

„Ich habe die Chance bekommen, etwas Gutes zu machen. Nicht alle haben diese Chance und ich werde sie bis zum Ende nutzen“, ordnet Osama seine bemerkenswerten Leistungen der letzten Jahre ein. Der 18-Jährige ist ein ermutigendes Beispiel dafür, was Fleiß und der Glaube an die eigenen Möglichkeiten, gepaart mit guten Weggefährten bewirken können. Und mehr noch: Während Osama seine eigenen Ziele konsequent verfolgt, hilft er selbst Kindern und Jugendlichen aus seinem privaten Umfeld, die auf eine Flucht zurückblicken.

Mit guten Weggefährten in die gymnasiale Oberstufe

Seit Beginn der Berufsfachschule im Spätsommer 2015 hat Osama ein großes Ziel: Das Abitur. Dafür arbeitet er hart, nimmt außerschulische Angebote wie Summer Schools und bald auch die Qualifizierungskurse des TalentKollegs Ruhr wahr, um bestehende Lücken zu schließen und wichtige Fachkenntnisse zu vertiefen. Der hervorragende Abschluss am Cuno-Berufskolleg war für Osama jetzt die Bestätigung, auf einem guten Weg zu sein.

Früh hat er erkannt, dass es dabei auch auf die richtigen Weggefährten ankommt. In den letzten dreieinhalb Jahren zählte dazu etwa ein studentischer Coach, der ihm vom Wittener Verein Kontrakt zur Seite gestellt wurde. „Mein Coach hat immer versucht, sich Zeit für mich zu nehmen, selbst in seinen Klausurenphasen. Er war für mich wie ein großer Bruder“, sagt Osama. Im so wichtigen letzten Berufsfachschuljahr war zudem TalentScout Uschi van Holt von der FH Dortmund an seiner Seite. Osamas Deutschlehrer hatte ihn auf das Beratungsangebot aufmerksam gemacht und wiederum sah der junge Mann die sich eröffnenden Chancen: „Ich sollte herausfinden, ob ich die Hilfe brauche. Und ich wusste schnell: Ich brauche sie“, sagt Osama mit einem Schmunzeln. Zu verschiedensten Zukunftsfragen ist er in die Sprechstunde des erfahrenen TalentScouts gekommen. Gemeinsam ergründeten sie die unübersichtlichen Zugangsvoraussetzungen für die gymnasiale Oberstufe und entwickelten einen Plan B als Sicherheitsnetz. Dass Osama seinen Plan A mit Beginn des Schuljahrs 2018/2019 an der Wittener Holzkamp-Gesamtschule verfolgen kann, freut auch Uschi van Holt.

START-Stipendium im zweiten Anlauf

Osamas Werdegang zeigt im Übrigen, dass Rückschläge kein Beinbruch sind, solange man sich davon nicht entmutigen lässt. Im Frühjahr 2017 hatte er sich für das START-Stipendium beworben. Das Schülerstipendienprogramm für talentierte Jugendliche mit Migrationsgeschichte unterstützt die Stipendiaten mit jährlich 1.000 Euro bei Investitionen rund um die eigene Bildung und fördert mit verschiedensten Formaten die Persönlichkeitsentwicklung. Drei Wochen investierte Osama in die Bewerbung, inklusive Produktion eines Videos – drei Wochen Arbeit für eine Absage. „Das war einer meiner schlimmsten Tage, seitdem ich in Deutschland bin“, blickt er auf die Enttäuschung zurück. Und es kam noch schlimmer: Im vergangenen Februar versuchte Osama sein Glück bei den RuhrTalenten – und erhielt wiederum eine Absage.

Wo andere frustriert aufgegeben hätten, blieb Osama am Ball: Nur einen Monat später reichte er seine zweite START-Bewerbung ein, um seine letzte verbleibende Chance zu nutzen – Bewerbungen bei START sind maximal bis zum zehnten Schuljahr möglich. Die Beharrlichkeit zahlte sich aus: Osama wurde zum Auswahlgespräch eingeladen und konnte das Gremium mit einem authentischen Auftritt überzeugen. Seit Beginn des neuen Schuljahrs ist er START-Stipendiat! Die Auftaktveranstaltung am 9. September hat für ihn eine ganz besondere Note: „Genau an diesem Tag vor vier Jahren bin ich nach Deutschland gekommen.“

Engagiert für andere SchülerInnen mit Fluchthintergrund

Osama ist dankbar für die Unterstützung, die er auf seinem Weg erfährt. In seiner neuen Heimatstadt Witten möchte er deshalb etwas zurückgeben: In seiner Schule und seinem persönlichen Umfeld ist er für Schülerinnen und Schülern unterschiedlichster Nationalitäten ein Ansprechpartner bei Fragen rund um die eigene Zukunftsplanung. Viele haben einerseits ähnliches erlebt wie Osama und möchten andererseits wie er Bildungsperspektiven entwickeln. Osama gibt seine Erfahrungen und Kenntnisse gerne weiter: „Sie haben den gleichen Lebensweg wie ich und brauchen die gleiche Hilfe.“ Für die Eltern von Schülern mit Migrationshintergrund leistet er außerdem bei Kontrakt Übersetzerdienste, etwa im Rahmen von Elternveranstaltungen und Elternbriefen. Osama möchte sich langfristig beim städtischen Verein engagieren: „Wenn ich später studiere, würde ich gerne als studentischer Coach bei Kontrakt arbeiten. Ich möchte das weitergeben, wovon selbst profitiert habe.“

Erst Abitur, dann Informatikstudium

Wie seine berufliche Zukunft aussehen könnte, davon hat er mittlerweile eine genaue Vorstellung: Er möchte nach dem Abitur Informatik studieren, um professionelles Programmieren zu lernen. Irgendwann will er selbst Apps und Websites entwickeln, im Idealfall als Teil eines internationalen Teams. Dabei hat er wiederum auch seine Mitmenschen im Hinterkopf: Seine Vision ist die Entwicklung einer App, die es Kindern und Jugendlichen ermöglicht, die eigenen Daten im Internet besser zu schützen. Die ersten Vorbereitungen laufen schon: In den Sommerferien hat Osama damit begonnen, die Grundlagen dreier Programmiersprachen zu lernen. Seine Chancen und Ziele hat er fest im Blick.