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veröffentlicht am:
  • 07.01.2021
Bildband

Bałuty – Vergangenes Leid, neue Bitterkeit

Professor Jörg Winde hat einen Bildband über den Stadtteil Bałuty im polnischen Łódź herausgebracht. Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs zeigen seine Fotos aus einem der größten jüdischen Ghettos Veränderungen und Stillstand zugleich. Ohne Personen in den Fokus zu rücken, vermitteln seine Aufnahmen von Häusern und Wohnräumen eindrucksvoll das heutige Leben in Bałuty, einem der ärmsten Stadtbezirke des Landes. Sie spannen einen Bogen in die Vergangenheit und schreien zugleich nach einer neuen Zukunft.

Eine Straßenszene mit grauen Gebäuden. Die Straße ist mit Schnee bedeckt.
Viele der Gebäude in Bałuty stammen noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Die ehrgeizigen Umbaupläne der 50er- Jahre wurden nicht realisiert. (Foto: Jörg Winde)

Eine Situation vor fast zehn Jahren lässt Jörg Winde, Professor am Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund, nicht mehr los. Auf einer Exkursion mit Studierenden betritt er eines der alten Gebäude in Bałuty, dem am längsten existierenden Ghetto der NS-Zeit. Die Wände sind grau und fleckig, die Treppen ausgetreten. Scheinbar nichts hat sich verändert. „Das Bild, das da in mir aufstieg, lässt sich nicht mehr wegschieben“, erzählt Professor Winde. In seinen Gedanken füllt sich das Treppenhaus, ziehen Menschen schweigend und zitternd vor Angst an ihm vorbei – auf ihrem letzten Gang an einen Ort des Todes. Haben sie Zeichen an den Wänden hinterlassen? Mehrfach kehrt Jörg Winde im Jahr 2013 nach Bałuty zurück und fotografiert.

Das Bild zeigt ein marodes Treppenhaus. Licht fällt durch ein Fenster auf die Stufen.
In einem Treppenhaus wie diesem beginnt für Professor Jörg Winde die Auseinandersetzung mit dem Thema Bałuty – mit seiner Vergangenheit und seiner Zukunft. (Foto: Jörg Winde)

Dauerhaftes Provisorium

Es sind Momentaufnahmen, die noch heute – sieben Jahre später – aktuell sind. Polen verändert sich schnell, Bałuty nur langsam. Viele Gebäude haben schon vor 1945 dort gestanden und sind heute Zeitzeugen des Ghettos. Die ehrgeizigen Umbaumaßnahmen der 50er-Jahre wurden nie vollständig realisiert, bilden ein dauerhaftes Provisorium. Es fehlen Sanitäranlagen, Wasser gibt es teils nur im Hof.

„Es ist ein Ort, an dem Menschen unaussprechliches und furchtbares Leid ertragen mussten – und an dem noch heute viel Bitterkeit herrscht“, sagt Professor Winde. Seine Fotos dokumentieren das Leben vor und in den Gebäuden, ohne die dort lebenden Personen zu zeigen. Durch die Intensität der Bilder entsteht vor dem geistigen Auge des Betrachters ein Gesamtwerk – ein Gefühl, vor Ort zu sein.

Das nun erschienene Buchprojekt „Bałuty“ versteht der in Bochum lebende Fotograf nicht als Aufarbeitung von jüdischer oder deutscher Geschichte. „Die Bilder sind Bestandsaufnahme eines Ortes, den man sich im 21. Jahrhundert so in Europa nicht mehr vorstellen kann und nicht vorstellen möchte“, betont Jörg Winde.
 


Das 144 Seiten starke Buch ist im Lecturis-Verlag erschienen (ISBN: 9789462262379) und im Buchhandel sowie in der Bibliothek der FH Dortmund erhältlich.

Das Bild zeigt ein Wohnzimmer mit altem Fernseher und alten Pflanzen. Es wirkt alles sehr einfach.
In dem Stadtteil Bałuty leben noch heute Menschen, die zu den Ärmsten des Landes zählen. (Foto: Jörg Winde)