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veröffentlicht am:
  • 29.07.2020
Szenografie-Ausstellung

Das verblendete Leben der Urgroßmutter

Sophia Firgau in Schwarz vor dem Foto ihrer Urgrußmutter in der Ausstellung.
„Für meine Familie und mich ist das eine unangenehme Ausstellung“, sagt Sophia Firgau. „Aber sie ist wichtig.“ (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)

Ihre Uroma war „eine Verblendete“, eine überzeugte Mitläuferin im Dritten Reich. Die Szenografie-Absolvent*innen Sophia und Jan Firgau haben ihr – trotzdem und gerade deswegen – eine Ausstellung in der Steinwache gewidmet. Wegen Corona ist sie länger zu sehen: bis 13. August 2020.

Mit der Ausstellung breiten Jan Firgau und seine Cousine Sophia das Leben ihrer Urgroßmutter Dora Firgau dort aus, wo sie umgeben ist von Erinnerungen an viele, die Doras Überzeugungen nicht teilten und dafür mit ihrer Gesundheit oder mit ihrem Leben bezahlten: in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, im Gang zwischen den Zellentüren auf der ersten Etage. Von 1933 bis 1945 war dieses Gebäude ein Gefängnis, die Gestapo sperrte hier mehr als 66.000 Menschen ein, misshandelte viele von ihnen und ließ sie von hier aus in Konzentrationslager bringen.

Das Schwarz-Weiß-Porträt von Dora fällt beim Betreten des Ganges als erstes ins Auge. Es hängt an der verglasten Stirnseite des Ganges und zeigt Dora in ihren Dreißigern, ungefähr in Lebensgröße: Eine blonde Frau mit Kurzhaarfrisur, an ein Geländer gelehnt, die Hände in die Armbeugen gelegt, blickt mit leicht gesenktem Kopf, geradem Blick und dem Anflug eines Lächelns in die Kamera. Durch das transparente Papier des Fotos scheint von hinten das Tageslicht hindurch, es wirkt, als sei Doras Gestalt im Moment ihres Verblassens eingefangen.

Sie habe dieses Foto so prominent aufgehängt, sagt Sophia Firgau, weil Dora darauf „einerseits adrett und streng wirkt, was auch in der Erzählung über sie deutlich wird, und andererseits nachdenklich aussieht, als schaue sie auf ihr Leben.“ Das transparente Papier sei ein Hinweis darauf, dass diese Schau ein Versuch sei, „der Versuch einer Annäherung an ihr Leben und ihre Denkweise.“

Foto eines Mannes in NS-Uniform.
Blick durch den Türspion: Das Video zeigt den Inhalt von Doras Fluchtkoffer, darunter dieses Foto ihres Mannes. (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)

Nur das Liebste

Vom Foto an der Stirnseite aus erstreckt sich die Ausstellung einige Meter in den Gang hinein, an zwei Zellentüren vorbei. Die linke Tür ist verschlossen, aber der Spion im eisernen Türblatt steht offen. Dahinter zeigt ein Bildschirm ein Video des Koffers, mit dem Dora im Januar 1945 vor der Roten Armee floh. Sophia Firgau hatte den Koffer vor einigen Jahren auf dem elterlichen Dachboden entdeckt. Das Video zeigt ihre Hände und die ihres Cousins Jan, wie sie Fotos, Hefte und andere Gegenstände ihrer Urgroßmutter aus dem Koffer holen.

Vor der Tür, auf dem Boden des Ganges, führt eine Zeitlinie zwischen zwei schwebenden Flächen aus übereinander gehängten Fotos hindurch. Jedes Jahr in Doras Leben ist eine senkrechte Reihe aus maximal fünf Fotos. Sie erzählen von einem guten Leben an der Seite des erfolgreichen NS-Arbeitsdienst-Führers Erich Firgau: mondäne Paar- und Eltern-Posen, Bayern-Urlaub mit schickem Auto, Adolf Hitler mit Entourage vor heroischer Landschaft.

Frau auf einer Sitzbank, an der Wand hinter ihr dunkle Silhouetten.
Sophia Firgau im zentralen Raum der Schau: Hier sind die Tagebücher als Audio zu hören. (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)

Dunkler Raum, erhellendes Audio

Der Zeitstrahl endet vor der Zellentür auf der rechten Seite. Sie führt in den zentralen Raum der Schau: An den Wänden Sitzbänke aus dunklem Holz vor menschlichen Silhouetten, die sich im schwachen Licht kaum vom dunklen Grund abheben. Eine Vitrine zeigt die dünnen Tagebücher, ein Knopf startet sie als Audio, eindringlich eingesprochen von Anke Zillich vom Schauspiel Dortmund.

Der erste Eintrag stammt vom 5. April 1945, kurz nachdem ihr Mann und ihr ältester Sohn nach Berlin aufgebrochen sind. Er beginnt mit: „Nun ist es auch bei uns Tatsache geworden. Die Amerikaner sind da.“ In den weiteren Einträgen äußert sie Sorgen über die Zukunft – ein Leben ohne Nationalsozialismus, wie soll das gehen? – und um ihre Familie, Unverständnis und Abscheu über die Vorwürfe und Anschuldigungen der Alliierten sowie alltägliche Probleme und Problemchen.

Mehrere Schreibhefte.
In einer Vitrine liegen die Tagebuch-Hefte. (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)

Fühlt sich weit weg an

Es formt sich der Einblick in ein Leben, das sich zeitlich weit weg anfühlt und ideologisch noch viel weiter. Und die Erkenntnis, dass dieser Mensch, der sowohl sachlich überzeugt als auch emotional eingenommen war von etwas, das uns heute als eines der größten Verbrechen der Menschheit gilt, dass dieser Mensch kein seelenloses Gefäß des Bösen war, sondern einfach nur ein Mensch.

Die deutsche Erinnerungskultur sei wichtig und wertvoll, sagt Sophia Firgau. Aber sie verführe oft dazu, die Schuld von sich selbst, vom eigenen Leben und der eigenen Familie abzugrenzen. Wenn man sich nur mit den Opfern beschäftige und ihrer gedenke, „geraten die Täter*innen, die Mitläufer und Zuschauerinnen, die Mehrheitsgesellschaft, die vielen Doras aus dem Blick.“

Gleichzeitig legen Jan und Sophia Firgau Wert darauf, Doras Leben in der politischen Welt zu verankern. Die Lebenslinie führt zentrale historische Ereignisse auf wie zum Beispiel die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933. Außerdem hat das Ausstellungsduo Auszüge der von den Alliierten herausgegebenen Hessischen Post recherchiert, die Dora in dieser Zeit vermutlich auch gelesen hat. Auch sie sind in der Audio-Installation zu hören, gelesen von Schauspieler Uwe Schmieder.

Ausschnitt einer Tagebuchseite.
Hier schreibt Dora über die Nachricht vom Tod „des Führers“: „So erwartet, wie diese Nachricht kam – so will sie weder Herz noch Verstand fassen.“ (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)

Wie viele Doras gibt es?

Ihre Familie unterstütze die Schau, sagt Sophia Firgau. „Trotzdem ist es für uns eine unangenehme Ausstellung. Aber alle Menschen, mit denen etwa meine Mutter gesprochen hat, haben ihr gespiegelt: Dora war kein Einzelfall. Sie war wie die meisten damals.“

Damit stellt die Ausstellung auch die große Frage, ob es etwas gibt, das uns heute von Dora unterscheidet. Und was das ist.

Ende Januar 1946 erfährt Dora, dass ihr Mann in Gefangenschaft gestorben ist, wahrscheinlich an einer Krankheit. Das Tagebuch hatte sie in erster Linie für ihn geschrieben, damit er später lesen könne, wie es ihr ergangen war. Nach der Nachricht von Erichs Tod schreibt sie kaum noch.

Der letzte Eintrag stammt vom 30. März 1946. Die letzte Passage lautet: „Ich weine fast jeden Abend im Bett – wenn man doch nicht mehr weitermachen brauchte, die Atombombe käme, von der so viel gesprochen wird. – Schluss.“


Im Überblick

Was? Ausstellung

Wann? Bis 13. August 2020, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Wo? Steinwache, Steinstraße 50, Dortmund

Wie teuer? Eintritt frei.

Kurz nach der Eröffnung der Schau im März traten das Kontaktverbot und die anderen Corona-Maßnahmen in Kraft, die Ausstellung konnte deswegen nur sehr eingeschränkt besucht werden. Die Ausstellungsmacher*innen denken zurzeit über Möglichkeiten nach, die Schau an anderen Orten zu zeigen, zum Beispiel in Schulen. Interessenten können Sophia Firgau anschreiben.