Digitaler Workshop

COVID-19-Folgen für die Soziale Arbeit

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Prof. Dr. Michael Boecker (Foto: FH Dortmund)

Statt live vor Ort in Südafrika blieb der Austausch diesmal digital. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben die Studierenden des Studiengangs Soziale Arbeit an der Fachhochschule Dortmund beim zweiten gemeinsamen Workshop mit der University of KwaZulu-Natal und der University of Johannesburg unmittelbar zu spüren bekommen. Da lag es nahe, die Pandemie zum Thema zu machen und die COVID-19-Folgen für die Soziale Arbeit und die Globale Agenda der Sozialen Arbeit genauer zu betrachten.

„Zu Beginn der Krise hatten nicht wenige die Hoffnung, dass trotz des Leids und aller globalen Einschränkungen die Welt letztlich gerechter, gleicher und ökologisch nachhaltiger werden könne“, sagt Prof. Dr. Michael Boecker vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Denn die Krise böte auch Chancen für einen neuen Zusammenhalt, weil alle gleichermaßen betroffen seien. Doch, „dass die Welt weder gerechter noch gleicher wird, können wir schon jetzt erkennen“, bilanziert Prof. Boecker, der an der FH Dortmund das Projekt „Internationalization for Building Competences“ leitet. Am stärksten betroffen seien Länder, in denen soziale Ungleichheit schon vor der Pandemie groß war. „Für die Soziale Arbeit weltweit ist das eine Herausforderung“, sagt Prof. Boecker.

Ende Juli haben sich darüber Studierende der FH Dortmund und der Partner-Hochschulen in Südafrika eine Woche lang intensiv in täglichen Web-Seminaren und Online-Diskussionen ausgetauscht. Die digitale Woche mündete in einer öffentlichen Web-Debatte mit Prof. Dr. Ulrich Brand, Politikwissenschaftler der Universität Wien. Seine Forschungen zur „imperialen Lebensweise“ haben es auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft. Prof. Dr. Brand kommt darin zu dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen bereit sind, sich an den ökologischen und sozialen Ressourcen andernorts zu bedienen, um sich selbst einen hohen Lebensstandard zu sichern. Diese imperialen Denkmuster hätten sich verfestigt.

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Prof. Dr. Ulrich Brand ist Politikwissenschaftler an der Universität Wien.

Imperiale Denkmuster durchbrechen

Für Prof. Boecker ist Soziale Arbeit eine Gerechtigkeitsprofession, die dem entgegenwirken kann. Sie ermögliche Teilhabe für marginalisierte Gruppen. „Das setzt eine Haltung voraus, die andere Menschen in ihrer Ganzheit und Würde akzeptiert und ihnen auf Augenhöhe begegnet, betont der Professor. Kolleg*innen der Sozialen Arbeit würden somit einen erheblichen Beitrag leisten, um imperiale Denkmuster zu durchbrechen. 

Prof. Dr. Ulrich Brand unterstreicht den Beitrag des Einzelnen: „Es ist nicht nur die Politik, es ist nicht nur die Ökonomie, es geht auch um die ganz persönliche Lebensweise.“ Mit Blick auf die Folgen der Pandemie, betont der Wiener Professor, habe es Einstiegspunkte für Veränderungen hin zu mehr globaler Gerechtigkeit gegeben: etwa die Koppelung von Klimavorgaben an Staatshilfen für Unternehmen. Nicht alle hätten diese Chance genutzt. Gleichzeitig „bietet sich jetzt auch die Gelegenheit über systemrelevante Branchen zu sprechen“, so Prof. Dr. Brand. Mitunter müssten diese Branchen gerade mit Blick auf soziale Berufe neu definiert werden.

„Wenn ich sehe, dass in dieser Krise meine Kolleg*innen in den unterschiedlichen Feldern der Sozialen Arbeit täglich sich für ihre Zielgruppen einsetzen, macht mich das zuallererst einmal stolz“, sagt Prof. Dr. Boecker. Es scheine auch ein neues Interesse an sozialen Berufen durch die Pandemie zu geben. Michael Boecker: „Ob dies tatsächlich ein nachhaltiger Effekt sein wird, hängt von der zukünftigen Wertschätzung und Entlohnung sozialer Berufe ab.“


Der digitale Workshop „Aftermath of the Covid-19-Pandemic in light of the Global Agenda of Social Work” ist Teil des Gemeinschaftsprojekts „Internationalization for Building Competences“ zwischen der University of KwaZulu-Natal (Südafrika) und der Fachhochschule Dortmund. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt und wird vom Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD) gefördert. Ziel des Projekts ist unter anderem der Aufbau eines Praxisbüros in der südafrikanischen Großstadt Durban, um eine stärkere Vernetzung von Wissenschaft und Praxis zu ermöglichen. Darüber hinaus arbeiten beide Hochschulen an gemeinsamen Veranstaltungen und einem intensiven Austausch zwischen den Studierenden. Das Projekt soll nicht nur zu einer Internationalisierung der Lehre beitragen, sondern auch weitere Kooperationspartnerschaften mit der University of KwaZulu-Natal ermöglichen.