Weitere Informationen

Kontakt

veröffentlicht am:

  • 25.10.2019
Buchvorstellung

„Muslimisch, männlich, desintegriert“: Ahmet Toprak im Interview

Prof. Dr. Ahmet Toprak bei der Pressekonferenz in der FH Dortmund
„Für Erfolg oder Misserfolg der Integration sind in erster Linie Erziehung und Verhalten der Eltern verantwortlich“, sagt Prof. Dr. Ahmet Toprak, hier bei der Pressekonferenz in der FH Dortmund. (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)

Sie brechen öfter die Schule ab, sind häufiger arbeitslos und gewalttätig. Zudem sind sie oft anfällig für religiöse oder nationalistische Radikalisierung: Muslimische Jungen sind die neuen Bildungsverlierer.

In seinem neuen Buch „Muslimisch, männlich, desintegriert“, das am 25. Oktober 2019 bei ECON erschienen ist, sucht Prof. Dr. Ahmet Toprak nach den Ursachen für das gesellschaftliche Scheitern muslimischer Jungen und findet sie – in konservativen Elternhäusern.

Prof. Toprak, Sie stellen die These auf, dass muslimische Jungen zum Scheitern geradezu verurteilt sind. Warum ist das Ihrer Ansicht nach so?

Ich möchte die muslimischen Jungen ein wenig entlasten, denn sie sind auch Opfer. Für Erfolg oder Misserfolg der Integration sind in erster Linie Erziehung und Verhalten der Eltern verantwortlich. Sie erwarten eine Menge von ihren Söhnen: Sie sollen erfolgreich werden, viel Geld verdienen und später eine wichtige Rolle als Familienvater und Ernährer übernehmen. Nur leider bereitet ihre Erziehung die Jungen nicht auf die Lebensrealität in Deutschland vor.

Welche Fehler kreiden Sie den Eltern an?

Im Vergleich zu den Mädchen gewähren konservative muslimische Eltern den Jungen deutlich mehr Freiheiten und setzen ihnen kaum Grenzen. Sie fordern von ihnen weder Fleiß noch Disziplin ein. Verhalten sie sich schlecht, hat das kaum Konsequenzen zur Folge. Fehlverhalten in der Schule wird in der Regel entschuldigt. So zieht man sich Machos heran. In traditionellen Lebenswelten wie in der ländlichen Türkei kann dieser Erziehungsstil vielleicht noch funktionieren, aber in Deutschland werden andere Kriterien angelegt.

Sie konstatieren, der Vater sei häufig kein Vorbild für die Jungen. Warum ist das so?

Der Vater ist traditionell Oberhaupt der Familie und müsste seinen Söhnen ein Vorbild sein. Die Realität sieht aber anders aus: In Deutschland sind etwa 30 bis 40 Prozent der türkischen Väter entweder arbeitslos, oder sprechen nicht gut Deutsch und sind dadurch nicht immer in der Lage, ihren Söhnen Orientierung zu geben. Vielmehr übernehmen die Söhne früh die Rolle des starken Mannes in der Familie – was sie belastet, überfordert und sich auch in ihren schulischen Leistungen niederschlägt.

Wie wirkt sich diese familiäre Prägung aus?

Die Pisa-Studie von 2015/2016 hat es als neuen Dreiklang zusammengefasst: Die neuen Bildungs- und Integrationsverlierer sind muslimisch, männlich, aus der Großstadt. Interessant ist, dass von der klassischen Erziehung, die aus den Jungen unselbständige Verlierer macht, die muslimischen Mädchen profitieren.

 

Prof. Dr. Ahmet Toprak mit dem FH-Würfel im Vordergrund.
Die traditionelle Erziehung lasse die Mädchen am Ende besser dastehen, sagt Prof. Toprak. (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)
Was ist in der Erziehung von Mädchen anders?

Traditionell denkende Eltern haben für ihre Töchter noch immer die Rolle der guten Hausfrau und Mutter im Sinn. Deshalb halten sie sie zu Fleiß und Ordnung an und fordern Zuverlässigkeit und Disziplin ein. Diese Eigenschaften werden in der Schule, im Studium oder der Berufsausbildung erwartet und honoriert. So sorgt die traditionelle Erziehung eher ungeplant dafür, dass die Mädchen am Ende besser dastehen.

Sind muslimische Mädchen Integrationsgewinner durch Bildung?

Eindeutig ja, in mehr als einer Weise. Mädchen, die in Bildung investieren, gewinnen neben dem Bildungsaufstieg auch Freiräume, denn Eltern gewähren häufig mehr Autonomie, wenn ihre Töchter ein Studium beginnen.

Werden sich die Probleme, die sich aus überkommenen Geschlechtervorstellungen ergeben, nicht über kurz oder lang selbst erledigen?

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sich das Problem einer unangemessenen Erziehung in der dritten oder vierten Generation von selbst erledigt. Ich halte es sogar durchaus für denkbar, dass sich in konservativen Familien bestimmte Werte und Normen noch verfestigen – sozusagen um keinen Verrat gegenüber den Großeltern zu begehen.

Um Integration zu fördern, muss man also bei den Eltern ansetzen. Wie kann man hier einwirken?

Muslimische Eltern trifft man selten bei Elternsprechtagen an, sie empfinden das als unhöfliche Einmischung in den Verantwortungsbereich der Lehrkräfte. Wir müssen also direkt in die Familien gehen, um mit den Eltern auf Augenhöhe und ohne erhobenen Zeigefinger zu diskutieren. Aufsuchende Sozialarbeit heißt das bei uns Sozialwissenschaftlern – es gibt auch schon einige Projekte, die in diese Richtung gehen. Erfolg werden wir nur dann haben, wenn wir die Eltern als Kooperationspartner gewinnen.

Sie stützen Ihre Thesen durch Ergebnisse aus Ihren Forschungsarbeiten und beschreiben zahlreiche Fallbeispiele, auch aus Ihrer eigenen Familie. Da lief die Erziehung anders?

Solange meine Eltern eine spätere Rückkehr in die Türkei auf dem Plan hatten, hielten sie an Wertvorstellungen und alten Geschlechterrollen fest. Erst als sie sich entschieden, dauerhaft in Deutschland zu leben, wandelte sich ihr Verhalten. Meine Eltern sind sehr pragmatisch und letztlich ist ihnen immer am wichtigsten, dass es ihren Kindern gut geht.

Am Beispiel Ihrer eigenen Familie analysieren Sie Voraussetzungen, die sich positiv auf Integration auswirken – welche sind das?

Ich nenne vier gute Voraussetzungen: klare erzieherische Orientierung mit Grenzsetzung, Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen, geringe religiöse Erziehung und die Vermeidung der Opferrolle.

Sie formulieren in Ihrem Buch pädagogische und politische Empfehlungen. Haben Sie ein Patentrezept gefunden, wie Integration gelingen kann?

Leider nein. Aber ich sehe mein Buch auch eher als Debattenbuch, das zum Nachdenken und zu Diskussionen anregen soll. Aufstieg durch Bildung braucht in jedem Fall Vertrauen in die eigenen Kinder – das in den Köpfen zu verankern braucht Zeit.



Buchangaben

Ahmet Toprak: „Muslimisch, männlich, desintegriert – Was bei der Erziehung muslimischer Jungen schiefläuft“. 240 Seiten, ECON Verlag, ISBN 978-3-430-21012-6.

 


Über den Autor

Ahmet Toprak
  • Mit zehn Jahren kam er aus einem zentralanatolischen Dorf zu seinen Eltern nach Deutschland.
  • Nach dem Hauptschulabschluss ging er zurück in die Türkei, machte Abitur und studierte dort ein Jahr lang Anglistik.
    1991 setzte er sein Studium in Deutschland fort und wechselte schließlich zur Pädagogik.
  • Nach dem Diplom 1997 arbeitete er als Anti-Gewalt-Trainer mit mehrfach straffälligen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und promovierte parallel.
  • Seit 2007 ist er Professor für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Dortmund.