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veröffentlicht am:

  • 23.10.2019
Studie

Senior*innen packen aus: So ist ihr Leben

Das Team der FH mit einer Vertreterin der Stadt Hagen an einer besonders steilen Straße in Hagen-Dahl
Besonders steil ist die Straße vor dem Altenheim in Hagen-Dahl. Ungünstig für Senior*innen, finden auch Martina Gleiß von der Stadt Hagen (2.v.l.), Prof. Dr. Michael Boecker (2.v.r.) und die Studierenden Sebastian Weste (v.l.), Sara Neumann und Sina-Marie Levenig. (Foto: WP / Jens Stubbe)

Wenn Menschen 75 Jahre oder älter sind – was ist ihnen dann wichtig? Das will die Stadt Hagen mit einer Studie herausfinden. Zusammen mit FH-Studierenden hat Prof. Dr. Michael Boecker einen Teil der Studie ausgewertet. Etwas daran, sagt er, sei „absolut ungewöhnlich“.

Und zwar die Rücklaufquote: Fast 40 Prozent aller Angeschriebenen haben die Fragebögen beantwortet und zurückgeschickt. Und das ausgesprochen gründlich, viele haben ihre Ausführungen auf die Rückseite des Fragebogens ausgeweitet. Ihre Antworten erlauben einen Einblick ins Leben im Alter.

„Das zeigt, wie wichtig es den Senior*innen ist, dass sich ihre unmittelbaren Lebensumstände verbessern“, erläutert Prof. Boecker. Denn die „Lebensbedingungen älterer Menschen in Hagens Quartieren“, wie der Titel der Studie lautet, sind offenbar dringend verbesserungswürdig. Befragt wurden ausschließlich Menschen ab 75 Jahre: Was sind Ihre Gedanken zum Leben in Ihrem Stadtteil? Was ist gut, was nicht?

Die Auswertung der Antworten aus den zwei Hagener Stadtteilen Helfe und Dahl übernahm Prof. Boecker mit Studierenden des Fachbereichs Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund.

So sieht's aus in Hagen-Helfe

Hohe Gefahr der Vereinsamung

In Hagen-Helfe sind 15 Prozent der Menschen 75 Jahre oder älter. Es gibt keinen Hagener Stadtteil mit einem höheren Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung. 73,5 Prozent dieser Menschen geben an, nicht allein zurechtzukommen. 20 Prozent verwenden eine Gehhilfe, zum Beispiel einen Rollator.

Das sind ihre drängendsten Probleme:

  • kein*e Allgemeinmediziner*in im Viertel, doch für die Fahrt mit dem Öffentlichen Nahverkehr zur nächsten Praxis fühlen sich viele nicht fit genug
  • kein interkulturelles Angebot – alle Nichtchristen sind ausgeschlossen
  • wegen fehlender Familienstrukturen vereinsamen viele Menschen

Als positiv werden genannt:

  • Veranstaltungen im ökumenischen Zentrum
  • Einkaufsangebot
  • Dienstleistungsangebot

Empfehlungen der Studierenden für Hagen-Helfe:

  • Ausbesserung der Gehwege, damit die Senior*innen leichter zu Veranstaltungen gehen können
  • ein besser auf die Senior*innen zugeschnittenes ÖPNV-Angebot

So sieht's aus in Hagen-Dahl

Viele Stolperfallen

In Hagen-Dahl ist der Anteil der Ü-74-Jährigen an der Gesamtbevölkerung mit 7,5 Prozent halb so groß wie in Helfe. 91,5 Prozent der Senior*innen sind Christen. 79,4 Prozent bezeichnen sich selbst als wohlhabend.

Ihre Kritikpunkte:

  • fehlende Barrierefreiheit, zum Beispiel Stufen vor Apotheke und Arztpraxis, schmale oder fehlende Bürgersteige, steile Straßen
  • zu wenig Angebote für Außenstehende im Seniorenheim

Positiv:

  • funktionierende familiäre Vernetzung und Nachbarschaft
  • medizinische Versorgung

Empfehlungen der Studierenden für Hagen-Dahl:

  • Abbau der Stolperfallen
  • Behindertengerechter Ausbau des Bahnhofs
  • Lieferservice und Hausbesuche von Dienstleistern
  • Und auch hier: Besseres ÖPNV-Angebot

Fünf Fragen an Prof. Dr. Michael Boecker

„Die größte Herausforderung kommt noch“
Prof. Dr. Michael Boecker vor Bücherregalen
"Jetzt sind die Mitarbeiter*innen der Stadt Hagen gefordert", sagt Prof. Dr. Michael Boecker. (Foto: FH Dortmund / Stephan Lucka)

Wie viele Fragebögen haben Sie und die Studierenden insgesamt ausgewertet?
Insgesamt wurden 5.321 Fragebögen versendet. Wir haben für zwei Stadtteile insgesamt 1.578 ausgewertet.

Wie hoch ist die Rücklaufquote bei solchen Studien sonst?
Normalerweise liegt die Rücklaufquote bei 10-20 Prozent. 30 Prozent sind schon hervorragend. Mit fast 40 Prozent in beiden Stadtteilen haben wir nicht gerechnet. Das zeigt, wie wichtig den älteren Menschen im Quartier ihre Anliegen sind.

Lassen sich die Probleme für Senior*innen in Hagen auf andere Städte übertragen?
Die strukturellen Rahmenbedingungen sind zumindest im Ruhrgebiet sehr ähnlich, auch was die finanziellen Voraussetzungen der Kommunen betrifft und was deren Handlungsspielraum stark eingrenzt.

Ist die Arbeit der FH Dortmund an dieser Studie mit der Auswertung der beiden Stadtteile abgeschlossen?
Ja. Aufgabe für uns als FH war vor allen Dingen die methodische Vorarbeit zu leisten und das Instrument zu entwickeln. Jetzt sind die Mitarbeiter*innen der Stadt Hagen gefordert.

Wie blicken Sie auf Ihre Mitarbeit an der Studie zurück?
Grundsätzlich: Von Projekten mit Praxisbezug profitieren alle beteiligten Akteure. Der Theorie-Praxis Transfer ist uns als FH sozusagen in die DNA geschrieben.
Ein inhaltliches Fazit lautet: Nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels leben zunehmend mehr ältere Menschen im Quartier und in ihrem gewohnten Wohnumfeld. Wenn wir diese Menschen erreichen wollen, bedarf es aufsuchender Sozialer Arbeit.
Die größte Herausforderung hat diese Studie indes noch gar nicht in den Blick genommen, weil die ersten Generationen der Gastarbeiter*innen erst in den nächsten Jahren zu der untersuchten Zielgruppe hinzustoßen werden. Sie zu erreichen, wird eine ungleich größere Herausforderung darstellen.


 

Zum Hintergrund

Prof. Dr. Michael Boecker ist Professor für Sozialmanagement und Wirkungsorientierung der Sozialen Arbeit am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der FH Dortmund.

An der Auswertung beteiligt waren die Studierenden Sara Neumann, Sina-Marie Levenig, Karsten Krampe und Sebastian Weste.