Sie befinden sich hier: StudierendeAusstellung

Weitere Informationen

Kontakt

zuletzt geändert am:

  • 12.08.2019

veröffentlicht am:

  • 01.08.2019
Ausstellung

Mischkonsum zeigt Fotos im Umschlagplatz am Hafen

Vier der sechs Studenten vor dem Umschlagplatz am Hafen
Vier der sechs Mischkonsum-Fotografen am Umschlagplatz (v.l.): Leopold Achilles, Nico Kramer, Samir El Hannaoui und Patrick Zajfert. (Foto: Mischkonsum)

Sechs Fotografiestudenten der FH Dortmund bespielen einen Monat lang den „Umschlagplatz“ am Hafen. Zu diesem Anlass haben sie sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen: „Mischkonsum“.

Die sechs Studenten trafen sich bei einer Ausstellung im Künstlerhaus: Leopold Achilles, Samir El Hannaoui, Nico Kramer, Lucas Weber, Patrick Zajfert und David Peters. Diskutierten über Fotografie und ihre eigenen Zugänge. Merkten: alle sehr unterschiedlich. Entwickelten die Idee einer gemeinsamen Ausstellung. Fragten beim Umschlagplatz an, einem Container am Hafen, der in der Reihe „Pictures ‘n Pintxos“ immer donnerstags Kunst aus allen Genres ausstellt.

„Ihr könnt den August haben“, meldete Umschlagplatz-Betreiberin Milena Rethmann am nächsten Tag, erinnert sich Leopold Achilles. Aber sechs Namen seien zu lang, ein kurzer sei besser, und weil die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeitsweisen mit zum Programm gehöre, einigten sie sich auf „Mischkonsum“.

Jeden Donnerstag gibt's neue Bilder

An jedem der fünf Donnerstage im August stellt ein anderer Fotograf aus, am letzten Donnerstag (29. August) sind es zwei. Die Ausstellung ist jeweils donnerstags von 17 bis 22 Uhr zu sehen, Eintritt frei. Wie es bei der Reihe „Pictures ’n Pintxos“ Usus ist, gibt es dazu spanische Spießchen, die „Pintxos“.

Die Bilder bleiben jeweils bis zum nächsten Sonntag hängen, es gelten die üblichen Öffnungszeiten des Umschlagplatzes: Mo-Sa 17-22, So und feiertags 13-21 Uhr, allerdings unverbindlich und nur bei gutem Wetter.



Das sind die Fotografen:

Leopold Achilles: "Wandeln", 1. August
Absichtlich verwischte Aufnahme einer spiegelnden Fensterfront
Diese spiegelnde Fensterfront nahm Leopold Achilles in Enschede auf. (Foto: Leopold Achilles)

Leopold Achilles fotografiert ohne Stativ mit einer Belichtungszeit, die etwas zu lang ist für scharfe Fotos. Zusätzlich bewegt er die Kamera während der Belichtung, was den Verwisch-Effekt hervorruft.

„Das ist eine Technik, die ich mir im ersten Semester angeeignet habe“, sagt er.  Zuerst mit urbanen Motiven in Dortmund, Köln, Amsterdam und anderen großen Städten: Baustellen, Straßenszenen, städtische Architektur wie große Fassaden, Brücken und Unterführungen. Mal farbig, mal schwarz-weiß. Seit Kurzem fotografiert er auch Landschaften auf diese Art.

Mit dieser Technik nehme er mehr Licht auf, auch jenes, das eigentlich außerhalb des Bildausschnitts liegt. „Mich interessiert diese malerische Art der Fotografie“, sagt er. „Es geht mir auch darum, die Atmosphäre so einzufangen, wie ich sie erlebt habe.“

Am Donnerstag, 1. August, zeigt Leopold Achilles im Umschlagplatz rund zehn Fotografien: „Ich habe versucht, für die Ausstellung eine gute Mischung auszuwählen.“


Patrick Zajfert: "The 7th Day", 8. August
Lochkamera-Aufnahme eines Treppenaufgangs
Unwirkliche Farben sind eine typische Eigenart der Lochkamera-Technik. So wie die verschobenen Konturen der Gegenstände, die möglicherweise dadurch entstanden sind, dass jemand, beabsichtigt oder nicht, die Ausrichtung der Kamera während der Belichtung leicht verändert hat. (Foto: The 7th Day)

Mit seinem Vater Przemek Zajfert betreibt Patrick Zajfert das Fotokunstprojekt „The 7th Day“: Für 17 Euro erhält jeder Interessierte ein Teilnahmeset, bestehend aus einer einfachen Lochkamera, einer Anleitung und einem adressiertem Briefumschlag, verbunden mit der Bitte, mittels der Kamera irgendwo auf der Welt ein Foto zu machen und es an die Zajferts zurückzuschicken.

Für eine Aufnahme unter besten Lichtbedingungen – im Sommer und draußen – muss die Lochkamera mindestens sieben Tage lang belichten, daher der Name des Projekts. Mit weniger Licht, zum Beispiel im Winter und drinnen, braucht sie mehrere Monate für das Foto. Das Projekt läuft seit 2012, mehr als 11.000 Teilnahmesets seien bereits verkauft worden, sagt Patrick Zajfert, mehr als 4000 Fotos seien bisher zurückgekommen.

Die Ausstellung im Umschlagplatz nutzt Patrick Zajfert, um erstmals fast alle dieser Fotos auszustellen. Seit einigen Wochen ist er dabei, die rund 3700 eingescannten und ausgedruckten Fotos im Format 4 mal 4 Zentimeter auf zehn großen Leinwänden anzuordnen. In der Ausstellung werden die aneinandergefügten Leinwände (jeweils 80 mal 100 Zentimeter) fast vollständig mit den kleinen, quadratischen Fotos bedeckt sein.


Nico Kramer: Bangkok/Tokyo, 15. August
Restaurantszene in Tokyo
In manchen Restaurants in Tokyo gibt es Rollos über den Tischen – für die Menschen, die beim Essen für sich sein wollen. (Foto: Nico Kramer)

Nico Kramer hat auf einer Reise im Februar 2018 drei Tage in Bangkok verbracht. Die Atmosphäre dort, sagt er, sei eine mysteriöse: „Man hat den Eindruck, man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke passiert.“ Mit kleiner Kamera hat er intuitiv und ohne Einflussnahme fotografiert: nächtliche Ansichten von Gassen, Hinterhöfen, kleinen Imbissbuden, beleuchtet nur von künstlichem Licht und etwas Streulicht der Stadt.

Die Fotos erzeugen widersprüchliche Gefühle, changieren zwischen nächtlicher Ruhe und einer ungewissen Bedrohung. Was ihn an diesen Bildern interessiert, sagt er, sei genau diese Stimmung.

Ein Jahr später traf er auf die „Science-Fiction-Atmosphäre“ in Tokyo: Einerseits seien die Straßen dort voller Lichter und hochmoderner Ausstattung, andererseits gebe es überall auch ganz alte, analoge Einrichtungen, die von der japanischen Kultur erzählen. Die wirke auf Europäer erstaunlich und fremd.

Zum Beispiel die Esskultur: In manchen Restaurants hängen Bastrollos über den Tischen und wer beim Essen für sich sein will, isst hinter heruntergelassenem Rollo. Auch die Bilder aus Tokyo sind „schnelle, unauffällige Schüsse“, die die Menschen nicht ablenken sollen – die sie aber auch nicht bloßstellen. „Bei diesen Bildern geht es mir nicht um technische Aspekte“, sagt Nico Kramer. „Ich habe eher nach Gefühl fotografiert.“


David Peters: "Kämpfer", 22. August
Harter Treffer ans Kinn: Szene aus dem Kickboxkampf
Um die Konzentration der Kämpfer nicht zu stören, habe er sich beim Fotografieren zurückgehalten, sagt David Peters. Trotzdem gelang es ihm, diesen Moment festzuhalten. (Foto: David Peters)

Einen Kickboxer am Abend seines ersten offiziellen Amateurkampfes hat David Peters mit der Kamera begleitet. Die Serie ist innerhalb von etwa vier Stunden entstanden, vom Eintreffen am Ort des Kampfes bis zur Abreise.

Auf seiner Internetseite schreibt David Peters: „Ich fotografiere, um die Schönheit der Welt zu zeigen, die Schönheit des normalen und alltäglichen Lebens.“ Die Fotos, die er dort zeigt, tun genau das: Mit Aufnahmestandort und -moment, Perspektive und Bildausschnitt macht er aus einem Hochhaus, einem Anstreicher, einem verregneten Platz etwas Schönes.

Die „Kämpfer“-Serie zeigt dagegen kahle Kampfsportstudiowände, Boxsäcke, Turnschuhe, kaltes Licht von oben, einen konzentrierten Trainer. Und den 22-jährigen Kämpfer: David Peters zeigt ihn von hinten, von der Seite, durch eine Tür hindurch gesehen, meist mit verdecktem Gesicht, vor dem Kampf fokussiert und in sich gekehrt, nach dem Kampf erschöpft und sichtbar beansprucht. Die Bilder vom Kampf selbst, mit Gespür für den richtigen Moment aufgenommen, sind die eindringlichsten.

David Peters hat digital fotografiert und anschließend die Farbe aus den Fotos genommen. „Das erhöht die Dramatik“, sagt er. „Schwarz-Weiß reduziert die Bilder auf das, worauf es mir ankommt: Auf den Menschen, seine Haltung und seinen Ausdruck. Die Hingabe für seinen Sport, trotz der Schmerzen.“ Darin und in der langen Tradition von Zweikämpfen liege auch Ästhetik, sagt David Peters. Mut kann etwas Schönes sein.

Die Serie wirkt seltsam lautlos, als trage man beim Betrachten einen Gehörschutz. Selbst das Foto vom wuchtigen Schlag gegen das Kinn des Kontrahenten vermittelt nicht das Gefühl eines Geräuschs – was seine Eindrücklichkeit eher noch verstärkt.

Im Umschlagplatz zeigt David Peters voraussichtlich 18 bis 20 Fotos aus dieser Serie.


Samir El Hannaoui: "Waiting Places", 29. August
Nachtansicht eines Innenraums einer Textilfirma
Im spärlichen Nachtlicht verlieren die Gegenstände ihre eindeutig erkennbaren Funktionen. (Foto: Samir El Hannaoui)

Für diese Serie hat Samir El Hannaoui seine Motive absichtlich quasi auf dem falschen Fuß erwischt. Denn tagsüber brummt es in den Lager- und Fertigungsräumen einer Dortmunder Textilfirma, wo von morgens bis abends Kleidung bedruckt und bearbeitet wird – aber eben nur tagsüber. Samir El Hannaoui hat die Räume stattdessen in einer Nacht im Jahr 2018 fotografiert.

Nachts, sagt Samir El Hannaoui, sei die Stimmung völlig anders. Mysteriös, rätselhaft, unbestimmt. „Alles ist ruhig“, schildert er. „Manche Geräte sind im Standby, weil es sich nicht lohnen würde, sie über Nacht ganz auszuschalten. Manchmal piept eins oder summt kurz. Als würden sie darauf warten, wieder eingesetzt zu werden.“

Auf seinen Fotos verlieren die Maschinen und Geräte im spärlichen Nachtlicht ihre eindeutig erkennbaren Funktionen und wachsen in den Schatten zu ungewissen Objekten zusammen. Der Betrachter kann die Konturen und Schemen nicht deuten, kann nur vermuten, muss sich herantasten. Die Motive können friedlich und ruhig wirken oder ungewiss und sogar bedrohlich, sagt Samir El Hannaoui, je nach innerer Haltung des Betrachters.

Sein Ziel bei dieser Serie sei es gewesen, die ambivalente Stimmung so einzufangen, wie er sie dort erlebt habe, ohne dem Betrachter dessen eigene Wahrnehmung vorwegzunehmen.

In der Ausstellung sind die sieben Motive im Format 30 mal 45 Zentimeter, auf Holz aufgezogen, zu sehen. Samir El Hannaoui teilt sich den Ausstellungstermin mit Lucas Weber.


Lucas Weber: „Zur freien Verfügung“, 29. August
Blick zwischen Felsen hindurch aufs Meer
Der klare, symmetrische Aufbau hebt die einzelnen Elemente und Schichten des Bildes hervor: Für Lucas Weber ein Hinweis darauf, dass auch die Wahrnehmung von Bildern sich aus mehreren Teilen zusammensetzt, und nicht alle ergeben sich allein aus dem Bild. (Foto: Lucas Weber)

Das Bild vervollständigt sich erst im Betrachter, sagt man, und Lucas Weber verfolgt diesen Gedanken mit Konsequenz: Seine Fotografien zeigt er komplett ohne Titel und weitere Informationen. Der Betrachter soll beim Vervollständigen des Bildes möglichst frei sein und unbeeinflusst aus seinen eigenen Gedanken und Assoziationen schöpfen können, um dem Bild eine Aussage zu geben.

„Als Künstler kann man natürlich eine Richtung vorgeben, oder besser, versuchen vorzugeben“, sagt Lucas Weber. „Aber ich will die Interpretation nicht vorwegnehmen. Mir ist es wichtig, dass die Bilder verschieden deutbar sind.“ Danach habe er die rund zwölf Fotos für die Ausstellung ausgewählt, aus verschiedenen Serien der vergangenen Jahre.

Er finde es sehr interessant, sagt Lucas Weber, „wie viele Strömungen und Meinungen es gibt“, wie viele unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt nebeneinanderher existieren. Darüber müsse man mit anderen reden, um deren Sichtweisen kennenzulernen und die eigene weiterzuentwickeln.

Wäre doch schön, sagt er, wenn die Besucher das bei der Ausstellung tun, angeregt vielleicht durch seine vieldeutigen Fotos.



Die Ausstellungsreihe im Überblick

  • Was? Wechselnde Foto-Ausstellungen von FH-Studenten
  • Wann? 1. bis 29. August, jeweils donnerstags 17 bis 22 Uhr
  • Wo? Speicherstraße 6, auf dem Platz des ehemaligen Solendo