Informationen für Studieninteressierte

Kontakt

veröffentlicht am:

  • 04.06.2019
Aktionsforschungstag

Mehr Obdach- und Wohnungslose in Dortmund als bislang bekannt

Obdachlosigkeit ist einer der schlimmsten persönlichen Schicksalsschläge in unserer Wohlstandgesellschaft. Dennoch gibt es sie in jeder Stadt. Wie viele obdach- und wohnungslose Menschen leben eigentlich in Dortmund? Und wie sieht deren Alltag aus? Welche Wünsche haben diese Menschen? Während eines Aktionsforschungstages haben 80 Studierende der Sozialen Arbeit der Fachhochschule Dortmund betroffene Menschen im Stadtgebiet gezählt und interviewt – unterstützt durch zivilgesellschaftliche Träger.

Porträtfoto von Prof. Dr. Dierk Borstel
Begleitete den Aktionsforschungstag: Prof. Dr. Dierk Borstel (Foto: FH Dortmund)

Insgesamt wurden 606 obdach- und wohnungslose Menschen gezählt. Darin nicht enthalten sind weitere 203 gezählte Personen, die aufgrund verschiedener, massiv prekärer Lebenssituationen akut von Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedroht sind. Die bislang von der Stadt Dortmund veröffentlichte Zahl von rund 400 betroffenen Personen ist somit aus Sicht der Forschenden zu gering angesetzt, wobei auch die am Aktionstag erhobene Zahl noch nicht vollständig ist. Denn gezählt wurden nur diejenigen, die glaubhaft ihre Situation schildern konnten. Nicht gezählt wurden diejenigen, die keine den Studierenden bekannte Sprache verstanden, die nicht reden wollten, sich aus Scham abwandten oder nicht zur selben Zeit mit den Studierenden am selben Ort waren.

Positives Feedback zur Befragung

Angeleitet wurden die Studierenden am Aktionsforschungstag von den Lehrbeauftragten Stephanie Szczepanek, Tim Sonnenberg und Prof. Dr. Dierk Borstel. Ihnen zufolge fiel das Feedback der Betroffenen zur Befragung überaus positiv aus. Stephanie Szczepanek betont: „Wir waren überrascht, wie viele Menschen sich uns geöffnet haben. Es gab Tränen, schwere und lustige Momente voller Menschlichkeit.“ Tim Sonnenberg ergänzt: „Wir wollten denen eine Stimme geben, die viel zu wenig gehört werden. Viele betonten: Endlich hört uns einer zu und nimmt uns ernst.“ Prof. Dr. Dierk Borstel richtet sich an die Dortmunder Politik und Stadtverwaltung: „Sehr viele Betroffene waren sich in den Gesprächen einig: Die bestehenden Hilfestrukturen reichen trotz der enormen Anstrengungen vor allem der freien Träger nicht aus. Da muss die Stadt jetzt dringend nachlegen.“

 


Zum Vorgehen der Forschenden

In mehreren Schichten besuchten die Studierenden ganztags am 20. Mai 2019 alle bekannten und vorrecherchierten Schlaf-, Treff-, Bettel-, Verkaufsplätze, Hilfs- und Beratungsorganisationen, Notunterkünfte, Tafeln und Suppenküchen der Stadt. Doppelzählungen sollten durch die Frage, ob die Befragten bereits gezählt wurden, auf ein Minimum reduziert werden. Alle Betroffenen wurden standardisiert nach ihrer Wohnsituation befragt. In vielen Fällen gab es zusätzliche biographische Gespräche, die anschließend protokolliert wurden. Diese Daten werden nun systematisch ausgewertet und zu einem späteren Zeitpunkt der Stadtgesellschaft zur Verfügung gestellt. Die Gespräche sollen einen tieferen Einblick in Bedarfe, Risikofaktoren, Lebenssituationen und Merkmale von Obdach- und Wohnungslosigkeit ermöglichen.