Gender Pricing

Prof. Wersig lieferte juristische Bewertung

„Preisdifferenzierung nach Geschlecht in Deutschland“ – das ist der Titel einer neuen Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die am 20. Dezember 2017 in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Maßgeblich beteiligt ist die Juristin Prof. Dr. Maria Wersig aus dem Fachbereich „Angewandte Sozialwissenschaften“. Die Ergebnisse der bundesweit ersten Erhebung zum Thema polarisieren und zeigen Handlungsbedarf.

Gender Pricing: Prof. Maria Wersig (links), Christine Lüders und Iris an der Heiden stellen neue Studie vor. (Screenshot: Tagesschau)
Gender Pricing: Prof. Maria Wersig (links), Christine Lüders und Iris an der Heiden stellen Studie zum "Gender Pricing" vor. (Screenshot: Tagesschau)

Ob beim Friseur oder in der Reinigung: Frauen zahlen häufig mehr. Das zeigt die Studie zur „Preisdifferenzierung nach Geschlecht in Deutschland“. In ihrer antidiskriminierungsrechtlichen Bewertung belegt Prof. Wersig, dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) auf Fälle von Gender Pricing für Produkte und Dienstleitungen anwendbar ist. „Daraus folgt“, so Wersig, „dass es gegen den Grundsatz des Diskriminierungsverbots verstößt, wenn eine Person allein wegen ihres Geschlechts mehr zahlen muss“.

Bei Produkten lässt sich Gender Pricing nur in geringem Umfang nachweisen, aber bei Dienstleistungen ist der Diskriminierungs-Effekt sehr deutlich: 59 Prozent der untersuchten Angebote haben unterschiedliche Preise für Frauen und Männer – meist zu Ungunsten der Frauen. Für einen Kurzhaarschnitt etwa zahlen Frauen im Schnitt 12,50 Euro mehr. Dafür mag es Gründe geben. Aber Wersig zeigt: „Geschlecht als Näherungswert für den zu erwartenden Aufwand einer Dienstleistung ist juristisch unzulässig“. Im Alltag mag man sich an die nach Geschlecht differenzierten Preislisten beim Friseur gewöhnt haben, aber sie sind juristisch nicht zulässig und politisch nicht gewollt.


ARD-Mediathek: Bericht zur Pressekonferenz in der Tagesschau (vom 20.12.2017)


Ein europaweites Thema: Umsetzung der EU-Richtlinie

Gender Pricing ist nicht neu auf der Agenda. Bereits im Jahr 2004 wurde eine Europäische Richtlinie erlassen, die den „Grundsatz der Gleichbehandlung von Männern und Frauen beim Zugang zu und der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen“ (Richtlinie 2004/113/EG) verwirklichen sollte. Bis 2007 hätte die Richtlinie in allen europäischen Ländern umgesetzt werden sollen. Obgleich eine „rechtsvergleichende Studie mit direkter Auswertung der Rechtsprechung in den Mitgliedstaaten“ (Wersig) noch aussteht, zeichnen sich gravierende Unterschiede in der Anwendung und Auslegung der Richtlinie ab. Während in Deutschland eine geschlechtsspezifische Preisgestaltung zugunsten wirtschaftlicher Gründe überwiegend als zulässig erachtet wird, gilt diese in anderen Ländern – etwa Schweden oder Dänemark – teils bereits als Verstoß gegen Antidiskriminierungsrecht.

Eine Frage der Perspektive? - Polarisierung in den Medien

„Frauen, vergleicht die Preise!“, „Pink zahlt mehr“, „Extra fürs falsche Geschlecht“, „Wahnhaft und pauschal“ oder „Jacke wie Hose“ – die Medien stürzten sich sofort auf die Forschungsergebnisse und übertrafen sich in pointierten Headlines. Dabei zeigt sich: Gender Pricing ist ein Politikum und es steht im Kontext von viel umfassenderen Debatten. Da geht es um Fragen des Gender Marketings und um Sozialisationsprozesse, um die doppelte Benachteiligung von Frauen, die trotz Gender Pay Gap (geschlechtsspezifischer Lohnunterschied) von 21 Prozent im Jahr 2016 auch noch mehr für die gleiche Leistung zahlen, um freie Preisgestaltung in der Wirtschaft und neue Möglichkeiten des individualisierten Online-Marketings, um die Besteuerung von Hygieneartikeln, die umstrittene Einführung der Unisex-Tarife bei Krankenkassen oder die gezielte Manipulation der Kaufentscheidungen von Konsument*innen im Ladengeschäft.

Wandel durch Sensibilisierung statt Klagewellen

Vom Rechtsweg rät die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Christine Lüders explizit ab. Zu gering sind in der Regel die Streitwerte und zu groß die Gefahr für Einzelkläger, auf den Prozesskosten sitzen zu bleiben. Erwartet werden sollte zudem auch nicht zwangsläufig eine Reduzierung von Preisen, denn es ist lediglich die unterschiedliche Auspreisung nach Geschlecht, die moniert wird. Die Ergänzung eines Verbandsklagerechts im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wäre nach Auffassung von Prof. Wersig eine Möglichkeit hin zu einer gerichtlichen Rechtsdurchsetzung. „Aber auch ohne eine Klagewelle“, so Wersig, „sollten Dienstleistungsbranchen und der Einzelhandel ihre Preisgestaltung prüfen und Geschlechterdiskriminierung beenden. Es kann auch ein Vorteil am Markt sein, wenn man sagen kann: Bei uns zahlen Männer und Frauen den gleichen Preis.“

Ein Ziel für die Verfasser*innen der Studie und die Antidiskriminierungsstelle ist vorerst ganz klar: Es gilt bei Kund*innen und Anbieter*innen ein Problembewusstsein für Gender Pricing zu schaffen und im Dialog mit Branchenverbänden Selbstverpflichtungserklärungen und Muster für geschlechtsneutrale Preislisten zu erwirken.


gedruckt am: 14.12.2018  10:32