Heilsame Beziehungen gegen innere Not

Wie der Umgang mit seelisch verletzten Kindern und Jugendlichen hilfreicher gestaltet werden kann, darüber tauschen sich Praktikerinnen und Praktiker aus der Kinder- und Jugendhilfe im Rahmen des Fachtags „Heilsame Beziehungen“ am 3. September an der Fachhochschule Dortmund aus. Gemeinsame Veranstalter sind die Fachhochschule, das Jugendamt der Stadt Dortmund und das Kinderschutz-Zentrum Dortmund.

Häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung oder Kriegs- und Fluchterlebnisse können bei Kindern und Jugendlichen schwere Traumata auslösen. Auch junge Flüchtlinge aus Kriegsgebieten erleiden Traumatisierungen durch Bedrohungen, Gewalt, Hunger oder Fluchtgefahren. Diese existentiellen Bedrohungen haben seelische Verletzungen und Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zur Folge. Kinder und Jugendliche reagieren darauf oft, indem sie individuelle Strategien für ihr psychisches Überleben entwickeln. Doch die ehemals sinnvollen Verhaltensweisen machen es Kindern und professionellen Helfern später oft schwer, stabile Beziehungen aufzubauen. Gutgemeinte Hilfen könnten deshalb scheitern. Hier will die Fachtagung gegensteuern.

„Jedes auffällige Verhalten ist ein Ausdruck innerer Not. Viele Verhaltensschwierigkeiten lassen sich daraus ableiten. Traumatisierte Kinder nehmen die Welt als bedrohlich wahr. Sie verfügen über hochsensible Stress-Systeme und feinste Antennen, was Zorn angeht. Schon ein neutrales Gesicht wird als Bedrohung interpretiert. Unter solchem Druck setzt das Denken aus und die archaischen Notfallsysteme wie Angriff, Flucht oder Starre werden aktiviert“, sagt Prof. Dr. Silvia Denner vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.

Die Diplom-Pädagogin, Psychotherapeutin und Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie betont, dass für eine richtige Hilfe ein entsprechendes Fachwissen erforderlich ist. „Wir müssen lernen, die Not der Kinder besser zu sehen, die hinter dem schwierigen Verhalten liegt. Die wichtigste Frage lautet: Was brauchen diese Kinder, damit ihre psychische Widerstandskraft gestärkt wird?“, sagt Silvia Denner. Der Weg zu einem besseren Verständnis traumatisierter Kinder führe auch über intensive Vernetzung und regelmäßigen Erfahrungsaustausch zwischen Theorie und Praxis.

Pilar Wulff vom Familien-Projekt des Jugendamtes: „Traumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen, zu verstehen und einen pädagogisch richtigen Umgang mit diesen Mädchen und Jungen zu finden, das stellt die Fachkräfte in der Jugendhilfe vor große Herausforderungen. Das Wissen über die Dynamik traumatisierter Kinder und kooperatives Handeln aller Beteiligten birgt jedoch viele Handlungsmöglichkeiten, um Ressourcen erkennen zu können und diese für die Kinder und Jugendlichen gewinnbringend einsetzen zu können“.

Auch das Kinderschutz-Zentrum Dortmund als Fachberatungsstelle gegen Misshandlung, Vernachlässigung und sexuelle Gewalt sieht hier eine Chance, viele Fachkräfte für diese besondere Zielgruppe zu qualifizieren. Martina Niemann, Leiterin des Kinderschutz-Zentrums: „Wir erleben immer wieder in unseren Beratungen, dass vielen pädagogischen Fachkräften das Verständnis für traumatische Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten der Kinder und Jugendlichen fehlt – das führt immer wieder zu schwierigsten Situationen in den Hilfebeziehungen – für die betroffenen Kinder, aber auch für die Helferinnen und Helfer“.

250 Fachkräfte aus stationären und ambulanten Jugendhilfeeinrichtungen aus Dortmund und Umgebung, aber auch aus anderen Städten, lernen durch Vorträge, in Workshops oder durch Best-Practice Beispiele, wie der Umgang mit traumatisch belasteten Kindern und Jugendlichen in sozialpädagogischen und psychotherapeutischen Kontexten hilfreicher gestaltet werden kann. Einer, der auf viele Fragen aus der Erfahrung von Jahrzehnten besonders gut Antworten geben kann, ist der renommierte israelische Psychoanalytiker Dr. Yecheskiel Cohen, den die Tagung als Gastreferenten begrüßen darf. Dr. Cohen baute in Jerusalem ein Kinderheim als Zufluchtsort für die am schwersten traumatisierten Kinder auf und leitete es 35 Jahre lang. Das außergewöhnliche Therapiekonzept des mittlerweile 83-jährigen und seine erfolgreiche Arbeit mit traumatisierten Kindern hat weltweit Maßstäbe gesetzt.

Dass ein verbindlicher Alltag wichtig und heilsam für die Seele ist, darüber sind sich die Fachleute der beteiligten Einrichtungen einig: „Feste Strukturen und Freiräume ohne Druck und Stress bedeuten Sicherheit. Sicherheit, Verlässlichkeit, Beständigkeit, ein verbindlicher Alltag mit Zeitplänen, die eingehalten werden, all das ist wichtig. Überraschungen hatten die Kinder in ihrem Leben genug“, so Prof. Dr. Silvia Denner.


gedruckt am: 20.09.2017  13:17