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Segeln oder Segeln lassen?

Für's "Segeln lassen" hatten sich 12 Mitglieder des Segelvereins der Fachhochschule entschieden. Ein Wochenende segeln auf dem Ijsselmeer, auf einem Plattbodenschiff und mit Skipper. Einmal nicht selbst die Route festlegen, nur Wünsche äußern, einmal nicht selber für Navigation und die Manöver verantwortlich sein. Das versprach ein entspanntes und entspannendes Wochenende - und die Teilnehmer wurden nicht enttäuscht.

Los ging's in Stavoren, dem Heimathafen der "Antonia Maria". Die ist ein gut 100 Jahre altes und 20 m langes ehemaliges Kartoffelschiff. Früher fuhr sie zwischen den holländischen Orten am Rande des heutigen Ijsselmeeres und transportierte ihre wertvolle Fracht. Damals gab es den Abschlussdamm noch nicht, das heutige Ijsselmeer war offenes Seegebiet. Dementsprechend stabil mussten die Lastschiffe gebaut sein. Und so macht auch die Antonia Maria einen äußerst stabilen Eindruck. Eins ist schnell klar: das Schiff hält mit Sicherheit schlechteres Wetter aus als die Gäste. Der ehemalige Laderaum beherbergt heute die Gästekabinen - insgesamt 6 Doppelkojen - und einen Aufenthaltsraum mit kleiner Kombüse. Im früheren Deckshaus wohnt heute der Skipper (genauer: die Skipperin) und ganz vor gibt es noch eine Kajüte für den Bootsmaat (die Bootsmaatin). Ganz Frauenpower, das Schiff. Die Männer werden vor allem gebraucht, um ordentlich an den Leinen zu zerren. Wobei unsere beiden Schiffsführerinnen, Josje und Eike, es wohl kräftemäßig locker mit jedem der Herren an Bord aufnehmen können.

Am Freitag abend belegten wir die Kojen, erhielten eine erste Einführung in das Schiff und seine Geschichte und verstauten unsere Vorräte. Schon bald war zu sehen: viel zu viele Vorräte für ein einziges kurzes Wochenende. Wie gut, dass die Antonia Maria über einen ausgesprochen voluminösen Kühlschrank und einen ebensolchen Herd verfügt.
Am nächsten Morgen wurde es dann ernst: Törnplanung und Erläuterung der Segelmanöver. So gern wir Richtung Nordsee gefahren wären: der Wetterbericht sagte Regen für die Inseln und gutes Wetter für das Ijsselmeer voraus, da fiel die Entscheidung leicht. Horn wäre ein ordentlicher Kreuzkurs - zu schaffen, wenn der Wind uns erhalten blieb. Was er übrigens nicht tat, wir landeten schließlich am Abend bei lauer Brise in Medemblijk. Josje erklärte die wichtigsten Segelmanöver: Segel setzen und wenden. Schon bald wurde klar: ein Traditionsschiff sieht super aus, aber das die Menschen vor 100 Jahren nicht auf die Idee gekommen sind, Segeln als Freizeitbeschäftigung zu betreiben, kann man verstehen. Alles ist viel größer, viel schwerer und viel schwergängiger als auf einem modernen Boot.
Leinen los, und raus aus dem Hafen - gegen Wind und Schwell kämpft sich die Antonia Maria aus dem Hafen und da der Wind genau gegenan steht, geht auch gleich das Großsegel hoch. Kräftige Männer an die Winde, heißt es. Schließlich ist das große braune Tuch oben, und 3 Männer wischen sich heimlich den Schweiß von der Stirn.
Nach 15 Minuten kommt die erste Wende. Dabei versteht dann auch jeder, wieso es so viele ausführliche Befehle bei den Segelmanövern gibt. Hat man auf einer modernen Jolle oft den Eindruck, die würden nur aus Tradition noch benutzt und um die Segelschüler mit zusätzlichem Lernstoff vollzustopfen, so sieht man hier, dass es ohne klare Kommandos gar nicht geht. Die Antonia Maria hat kein Achterstag, sondern 2 Backstagen, die, ebenso wie die Seitenschwerter, bei jeder Wende bedient werden müssen. Nach der ersten Ankündigung 'Klar zur Wende!' vergehen schnell schon mal 10 Minuten, bis das Boot wirklich durch den Wind geht: erst mal alle an ihre Positionen: zwei am Luv-Backstag, zwei am Lee-Backstag, einer an der Großschot, einer an den Schwertern, zwei für die Fock. Plus Steuermann, natürlich! Und wenn dann alle 'Ist klar!' melden, kommt das eigentliche Manöver: Ree! Der Steuermann luvt langsam an, Lee-Backstag vorbereiten, im Wind Lee-Backstag festsetzen, dann Luv-Backstag (was jetzt zum Lee-Backstag wird) lösen, damit das Groß wieder ausrauschen kann. Gleichzeitig dazu die Fock rüberbringen und sich um die Schwerter kümmern.

So was ist auch gleich eine wunderschöne Lehrstunde in der wichtigsten Vorfahrtregel überhaupt: je größer das entgegenkommende Schiff, desto weniger Vorfahrt habe ich. Denn 'eben mal ausweichen' kann so ein Plattbodenschiff von 20 m Länge definitiv nicht.
Nach 3 - 4 Wenden weiß jeder, was er zu tun hat. Und dazwischen ist viel Zeit, um einfach in die Wellen zu schauen, ein wenig zu lesen oder einfach nur zu träumen. Der eine oder andere wagt sich auch an die Pinne (ja, das riesige Schiff hat tatsächlich eine Pinne, kein Steuerrad). Aber auch dazu gehört viel Kraft. Die Reaktionen des Schiffes sind träge, dreht es einmal in die falsche Richtung, so ist es fast unmöglich, es wieder auf Kurs zu bringen. Man muss also die Bewegungen fast vorwegfühlen, um das Schiff auf Kurs zu halten. Das, was bei Josje so einfach aussieht, wirkt bei uns Ungeübten doch wie ein Schlingerkurs. Aber Spaß macht es schon!

Am Nachmittag lässt der Wind immer mehr nach. Zeit für eine Kaffeepause: Literweise Kaffee und der leckere Apfelkuchen von Ralf machen aus unserem Boot eine echte Kaffeetour. 'Jetzt nur keine Wende', bitten wir Josje, als wir mit Kaffee und Kuchen beladen an Deck kommen. Und Josje hat ein Einsehen, auch ihr schmeckt der selbstgebackene Kuchen!
In Medemblijk bewundern wir das zentimetergenaue Anlegemanöver. Bewunderswert vor allem die Ruhe, mit der Josje das tonnenschwere Schiff ganz gemächlich an die Kaimauer steuert und sich auch von ständig wechselnden Anweisungen des Hafenmeisters nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Inge und Heike verschwinden kurz nach dem Anlegen in der Kombüse: Gulasch mit Nudeln und eine riesige Schüssel Salat stehen auf dem Speiseplan. Das Gulasch hat Inge bereits vorgekocht, toll. Wie gut, dass die Töpfe hier groß genug sind für 12 - 14 Personen. Nach einer Stunde kann gegessen werden, Teller um Teller wird gefüllt und auf Deck weitergereicht. Bei dem guten Wetter hat keiner Lust, unten in der engen Kajüte zu sitzen. Abends gibt es dann doch noch einige Regentropfen, doch das kann die gute Stimmung auf und über Deck nicht trüben.
Am Sonntagmorgen müssen wir leider schon wieder zurück. Die Wettervorhersage sagt: 2-3 Bft, in Böen 7. Nanu? Was soll das denn heißen? Auch unsere Skipperin schüttelt den Kopf, sie weiss aber, dass ein Tiefdruckgebiet sehr schnell durchziehen soll und empfiehlt: zumindest auf direktem Weg bis in die Nähe von Stavoren - bei 7 Bft in Stavoren einlaufen, ist nicht gerade ein reines Vergnügen. Also los. Sicherheitshalber lässt Josje uns ein Reff ins Großsegel binden - trotzdem erreichen wir noch 5 Knoten Geschwindigkeit. Diesmal können wir direkt mit halbem Wind ablaufen, der optimale Kurs für die Plattbodenschiffe. Es gibt keine Wenden, an Deck herrscht Entspannung pur. Einige sitzen auf dem Vordeck, einige stehen neben Josje am Steuer und hören ihren spannenden Geschichten über die Antonia Maria, das Ijsselmeer und über das Leben als Charterskipperin zu. Viel zu schnell taucht der Hafen von Stavoren wieder vor uns auf. Das Wetter ist noch immer unentschieden, es ist schwül und drückend, aber die starken Böen sind bisher ausgeblieben. Wir entscheiden, direkt in den Hafen zu gehen und sind gegen 13.00 Uhr wieder fest in Stavoren.
Natürlich dürfen die Abschlusspommes mit Frikandel spezial nicht fehlen. Danach werden die Kojen geräumt und die Autos wieder bepackt. Alle sind wir uns einig: das war ein tolles Wochenende, nur leider viel zu kurz. Das machen wir ganz bestimmt noch einmal.
Ein dickes Dankeschön an alle, die am Gelingen beteiligt waren:
  • an Moni, die in bewährter Manier für die Organisation gesorgt hat,
  • an Ralf, dessen Apfelkuchen bis auf das letzte Krümelchen vertilgt wurde,
  • an Inge, die eine Riesemenge Gulasch vorbereitet hatte,
  • und natürlich an Josje und Eike, unsere Skipperinnen.