Geschlechterthemen sind nur was für Geschlechterforscher_Innen - oder?

Über das (soziale) Geschlecht, zu forschen und solche Aspekte in der Lehre zu berücksichtigen, wird gern einer spezialisierten Gruppe in den sozialen Wissenschaften überlassen: den Geschlechterforscher_Innen.

In der Tat kennen sich „Menschenwissenschaftler_Innen“ mit dem Zusammenhängen von biologischen Geschlechtern und (gesellschaftlich hergestellten) „Gender“ am besten aus. Und weil jeder Mensch ein Geschlecht hat und „Gender“ erlernt hat, steckt „Gender“ automatisch in allen Themen der Sozial- und Geisteswissenschaften drin – auch wenn es längst nicht immer explizit bearbeitet wird.

Für die anderen Disziplinen, zumal die Wissenschaften der nicht-menschlichen Natur oder gar der unbelebten Welt, scheint die Kategorie „Geschlecht“ ganz fremd zu sein. Um ein Beispiel aus der Physik zu nennen: Der Stein fällt bei Männern nicht anders als bei Frauen. Doch wo die Fragestellung komplexer wird, kann Geschlecht durchaus eine Rolle spielen, auch dann wenn Materie statt Mensch im Fokus steht!

Denn:

  • Keine Forschungsfrage und kein Lehrthema „fällt vom Himmel“, sondern sie sind immer von Menschen erdacht. Daraus folgt: Es ist das menschliche Interesse, das aus einem Thema eine Forschungs-/Lehrthema macht. Dies ist also ein sozialer Prozess und hat somit automatisch (s.o.) Gender-Aspekte. Zu klären, wie dieser Prozess sich auf die Inhalte auswirkt, kann Gegenstand eines geförderten Projektes sein.
  • Forschungsergebnisse und Lehrthemen stehen nicht „im leeren Raum“, sondern werden von Menschen wahrgenommen und weiter verarbeitet. Auch dies ist also ein sozialer Prozess und hat somit automatisch (s.o.) Gender-Aspekte. Die Verbreitung von Wissen/Ergebnissen gender-sensibel zu gestalten kann ebenfalls Gegenstand eines geförderten Projektes sein.

Bei fast jedem Thema lässt sich eine „Schleife“ über Gender-Aspekte drehen. Z.B. so:

  • Bei Themen in denen Menschen in unterschiedlichen Rollen (als Kund_Innen/Verkäufer_Innen, Klient_Innen etc.) auftauchen, kann eine Betrachtung nach Geschlecht angestellt werden. Dabei können zählbare standardisiert Daten erhoben werden oder die Menschen werden beobachtet und ihre Lebensäußerungen interpretiert.
  • In allen Themen lohnt sich die Frage: Welche Rolle hatten Männer und Frauen an der bisherigen Entwicklung des Gebiets und wie hat sich ihre gesellschaftliche Position als Mann/Frau darauf möglicherweise ausgewirkt? Für viele Bereiche wurde hierzu von der Geschlechterforschung schon viele Erkenntnisse produziert, auf die zurückgegriffen werden kann.
  • Welche Auswirkung haben die Ergebnisse jetzt und in Zukunft auf das Leben von Männern und Frauen? Betrifft es die Geschlechter in ihren Lebenslagen möglicherweise unterschiedlich? Wenn ja, warum ist das so?
  • In allen Wissenschaftsbereichen lohnt sich die zunächst für viele überraschende Frage: Wie sind die Herangehensweisen und Methoden durch die allgemeine oder auch fachspezifische Geschlechterordnung und –traditionen geprägt? Auch hier hat die Geschlechterforschung schon vieles zusammen getragen, das auf die eigenen Bereiche angewendet oder übertragen werden kann. Wer bereit ist, sich Wissen aus den Tiefen der Geschlechterforschung zu erschließen, kann hier überraschende Perspektiven gewinnen.

Grundsätzlich gilt: Je früher der Gender-Aspekt in der Konzeptionsphase berücksichtigt wird, desto eher können die gehaltvoller dürften die Ergebnisse sein. Dennoch lohnt es sich in jeder Phase, einen „Schleife“ zu drehen und Vorgehen und Ergebnisse „gegen den Strich zu bürsten.

Dazu möchte der Fördertopf "Gender in Forschung und Lehre" anregen und ermutigen.

Wenden Sie sich bei Rückfragen gern ans Gleichstellungsbüro. Wir können dann gemeinsam überlegen, welche Fragestellungen für Ihr Projekt sinnvoll wären.

Hinweis zur Handreichung der EU Kommission zu Gender-Aspekten in der Forschung:

Besonders hilfreich ist die Übersicht auf S. 11 und die Checkliste auf S. 14 der Veröffentlichung!