Kurzlink zu dieser Seite

impEct 11 / 2020

.

INHALT

Tatjana Schmalz: Wi(e)der ein „Europa der Vaterländer“? Europas Jugend am Scheideweg

Tobias Köllner: Nationalismus, Identität und Religion: Vergleichende Beobachtungen zu Russland und Ostdeutschland

Erhard Jürke: Out of the Rift into the Unknown - A Survey of the BREXIT Process

Werner Müller-Pelzer: Ein neuer Jakobinismus (Buchrezension)

.

EDITORIAL

Die vorliegende elfte Ausgabe von impEct steht zum ersten Mal unter einem Thema: Europa. Angesichts der aktuellen politischen Lage scheint diese Wahl kaum nach einer Begründung zu verlangen. Und doch: Es dürfte kaum einen politisch-philosophischen Begriff geben, bei dem unterschiedlichere Auskünfte zu erwarten sind als bei diesem. Im Aufruf zu den Beiträgen für diese impEct-Ausgabe hatte ich deshalb darauf hingewiesen, dass es mir wichtig erschien, zwischen der Europäischen Union und Europa zu differenzieren und sich auf eben dieses Europa zu konzentrieren. Zur Erläuterung hatte ich folgende Fragen formuliert:

  • Was ist von der These zu halten, Europa sei etwas anderes als die Europäische Union?
  • Was ist davon zu halten, dass sich die EU ab dem Jahr 2000 zum Global Player erklärt hat, aber offenbar auf keine, die Bürger einende Mission zurückgreifen kann? Und wenn diese Annahme falsch sein sollte: Welches wäre dann die Mission der EU?
  • Wenn die EU das Machtzentrum ist: Worin könnte der Rückhalt Europas bestehen, der Europa auch in Zukunft eine Eigenständigkeit garantieren würde?
  • Habt ihr ein tiefes, affektives Verhältnis zu Europa, zu einem oder mehreren europäischen Ländern? Wenn ja: Worin äußert sich dieses affektive Verhältnis?
  • Wie würdet ihr eure Erfahrungen beschreiben, wenn ihr nach längerem Aufenthalt auf anderen Kontinenten nach Europa kommt? Gibt es etwas, das ihr subjektiv als typisch europäisch empfindet?
  • Was würdet ihr euch wünschen, damit Europa (nicht die EU) attraktiver, glaubwürdiger, präsenter im Leben der Menschen werden könnte?

Damit hatte ich das Thema “hoch” angesetzt, weil es keiner gängigen wissenschaftlichen Disziplin zuzuordnen ist. “Wir Europäer” kommt leicht über die Lippen, doch der Lärm der tagespolitischen Auseinandersetzungen unterbindet häufig den Versuch, hier nachzufragen, worin das Verbindende in diesem Ausspruch besteht.

Im Ergebnis liegen vier sehr unterschiedliche Beiträge vor.

Tatjana Schmalz, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, beginnt mit einem Essay aus der Perspektive der Generation der 20-30-Jährigen, die genau 20 Jahre nach der Lissabon-Agenda, dem anmaßenden Auftreten der EU als Global Player, weiterhin nach dessen endgültiger Gestalt und Finalität fragt. Bleibt die EU weiterhin eine Antwort darauf schuldig, dürfte sich der Kreis derjenigen vergrößern, die bereit sind, das ganze Unternehmen in Frage zu stellen. Die Tragweite einer zunehmenden Delegitimierung der EU bei einem Teil der intellektuellen Elite sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Die Autorin geht auf Überlegungen aus dem “rechten Lager” ein, die auf diese Lage reagieren.

Tobias Köllner, Universität Witten/Herdecke, untersucht am Fall von Russland und Ostdeutschland, inwieweit Religionen bzw. religiöse Bekenntnisse neben ethnischen Referenzen als politische Faktoren bei der Redefinition des Nationalen eine Rolle spielen. Da die EU-Eliten das Programm des „immer enger vereint“ mit politischem Kosmopolitismus, mit der Desavouierung der Nationen und mit dem Globalismus zu einem Paket zusammengezurrt hatten, kann es nicht überraschen, dass die Auflösung sozialer Bindungen durch die „Märkte“ mit einem Rückgriff auf nationale Traditionen beantwortet wird. Das dabei bewegte religiöse „Sediment“ kommt allerdings in ganz spezifischer Weise zum Tragen, weil je nach Land religiöse „Versatzstücke“ nur gemäß dem jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Kontext eine politische Funktion erfüllen können. Dies dürfte auch für andere europäische Länder gelten.

Erhard Jürke, Fachhochschule Dortmund, gibt einen Einblick in die britische Brexit-Debatte, wie sie in dieser Differenziertheit in Deutschland nur sehr selten rezipiert worden ist. Gegen vorschnelle Vereinfachungen ruft er die britische „Ausnahme“ in Erinnerung, die (wie die sog. französische „exception“ und der sog. deutsche „Sonderweg“) eine eingehende Betrachtung verlangt. Das mehr oder weniger geschickte Verhalten von Brexit-Befürwortern und Gegnern ist bei der Analyse gewiss nicht zu vernachlässigen. Fundamental ist jedoch die beiderseitige Fremdheit hinsichtlich der imaginierten Identität im UK und in der EU auszugehen: Der starken affektiven Bindung vieler Briten an die vergangene Größe und die nationale Souveränität steht eine von den EU-Eliten  propagierte, aber bei den Europäern affektiv schwach ausgeprägte, wenn nicht beargwöhnte Identität des geeinten Europas gegenüber. So kann sich eine Gemengelage ergeben, in der mehr mit Gefühlen als mit empirischen Daten Politik gemacht wird.

Werner Müller-Pelzer, Fachhochschule Dortmund, kritisiert in seiner Rezension des Buches von Aleida Assmann „Der europäische Traum“ die schmale und mit Fehlern behaftete wissenschaftliche Basis, auf der die Autorin ihre sog. Erinnerungskultur errichtet. Die Judenvernichtung soll bei Assmann als negativer Gründungsmythos Europas fungieren und unter Einbeziehung weiterer Menschheitsverbrechen Europa-weit den Alltag der jüngeren Generationen durchsetzen. Mehr hat die Autorin über Europa im Grunde nicht zu sagen. Hier wird ein moderner Jakobinismus erkennbar, der die kritische Prüfung von Geltungsansprüchen durch eine Haltung empathischer Hörigkeit ersetzt, eine Art Zivilreligion einführt und einen institutionell verankerten Identitäts- und Mentalitätswandel der Europäer zum Ziel hat. Bislang haben solche politisch genehmen, von oben oktroyierten Identitätskonzeptionen, die nicht einmal zwischen EU und Europa unterscheiden, bei den europäischen Bürgern keinen Erfolg gehabt.

Das vom COVID-19 ausgelöste politische Erdbeben wird – so vermute ich – noch genügend Gelegenheit geben, um die Fragen zu debattieren, die der englische Historiker Paul Stock kürzlich formuliert hat: „[…] the key questions for policymakers – and Europeans – are ‘what kind of Europe do we want to create?’ and ‘what kind of Europeans do we want to be?’”[1]

Zum Abschluss noch ein bibliographischer Hinweis!

Im Herbst 2020 erscheint von Werner Müller-Pelzer: Europa regenerieren. Über das Entstehen kollektiver Atmosphären, Freiburg / München: Karl Alber-Verlag, 2020.

Zum Inhalt: Was ist Europa im Unterschied zur EU? Manche glauben, diese Frage habe sich dadurch erledigt, dass Europa und die EU miteinander im „europäischen Projekt“ verschmolzen sind. Doch dieses Konstrukt dient der EU als Global Player, antwortet aber nicht auf die Frage: Welche/r Europäer/in will ich sein? Europa als affektiver Raum ist unter den politischen Interessen und philosophischen Irrtümern der Vergangenheit begraben. Die Neue Phänomenologie bietet hier die Begrifflichkeit, um sich auf den europäischen Zivilisationstyp des Zusammenlebens zu besinnen und gemeinsame europäische Atmosphären zu entdecken, etwa beim Einwachsen in eine unbekannte europäische Sprache und Kultur während eines dafür arrangierten Studiensemesters im europäischen Ausland. Das sog. MONTAIGNE-Programm soll es europäischen Studierenden ermöglichen, über die sekundäre Epigenese der Person, d.h. ausgehend von der präpersonalen, atmosphärisch bestimmten Leiberfahrung, eine Kompetenz für Situationen in Europa zu erwerben, statt auf eine Utopie vertröstet zu werden.

[1] Paul Stock (2017): “What is Europe? Place, idea, action”, in: Amin, Ash and Lewis, Philip, (eds.) European Union and disunion: reflections on European identity. British Academy, London, UK, SS. 23-28 http://eprints.lse.ac.uk/78396/1/Stock_What%20is%20Europe_2017.pdf (LSE Research online).