Sie befinden sich hier:

Dokumente

Kontakt

Die Situation alleinerziehender Eltern in der Berufswelt
- mit dem Lokalen Bündnis für Familien, Schwerte-

Hintergrund

Im Zuge des sozial-familialen Wandels sind Einelternfamilien sind inzwischen weit verbreitet, als eine von vielen sehr unterschiedlichen Familienformen, die jedoch unter bestimmten Er­schwernissen gelebt wird. Im Zuge der stärker arbeitszentrierten Sozialpolitik, verbunden mit den aus demographi­schen Gründen verstärkten Versuchen der Einbeziehung weiterer Bevölkerungsgruppen in den Arbeitsmarkt, wurde die Lage Alleinerziehender auf dem Arbeitsmarkt in den letz­ten Jahren Thema zahlreicher Studien und Projekte.

 

Projektbeschreibung und Forschungsfragen

In der im September 2015 abgeschlossenen Studie „Die Situation alleinerziehender Eltern in der Berufswelt“, wurde zum einen untersucht, welche Hemmnisse, aber auch Chancen Alleinerziehende im Raum Schwerte haben, die Herausforderungen von familiärer Fürsorgearbeit und modernisierter Arbeitswelt zu bewältigen, vor dem Hintergrund des überproportional hohen SGB II Bezugs von Alleinerziehenden. Aufbauend auf den Ergebnissen wurden zum anderen Maßnahmen und Hilfen aufgezeigt, die im kommunalen und regionalen Raum bereit stehen oder entwickelt bzw. vernetzt werden müssten, um die Situation alleinerziehender Eltern in der Berufswelt im Raum Schwerte zu verbessern. Angesichts des hohen Anteils von Frauen a. unter den Alleinerziehenden (90 Prozent) und b. speziell unter den in der Grundsicherung SGB II Lebenden (95 Prozent; Achatz u.a. 2013: 8) wurde der Fokus auf alleinerziehende Mütter gerichtet, auch wenn einige der aufgezeigten Problemstellungen bzw. der Ressourcen und Lösungswege auch auf alleinerziehende Väter zutreffen.

Während der gesamten Laufzeit der Studie wurden die jeweiligen Schritte und Ergebnisse in der dazu gebildeten Arbeitsgruppe ‚Studie‘ des Schwerter Bündnisses für Familie vorgestellt und in den Austauschrunden jeweils diskutiert.

Methode:

Die Entscheidung für eine qualitative Studie folgte dem Erkenntnisinteresse, zum einen die Lebenssituation und die besonderen Herausforderungen aus der Sicht der Betroffenen selbst zu erschließen und zum anderen das dazu gehörige Wissen von Expertinnen und Experten zu erfassen und aufzubereiten.

Durchgeführt wurden 18 ExpertInneninterviews mit LeiterInnen und MitarbeiterInnen aus Behörden und Einrichtungen, die mit Alleinerziehenden, v.a. im SGB II Bezug, arbeiten oder für Belange dieser Gruppe zuständig sind bzw. mit Personen, die eine entsprechende Expertise im Bereich des Arbeitsmarktes aufweisen. Weiter wurden insgesamt 34 alleinerziehende Mütter interviewt, bzw. nahmen sie an den drei besuchten Gesprächsgruppen teil.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse

Es wurden Zusammenhänge und Hintergründe der prekären Lage von Einelternfamilien ermittelt, wie sie durch einerseits fehlende passende Arbeitsangebote auf dem Arbeitsmarkt und andererseits zeitlich oder generell unzureichende Möglichkeiten der Kinderbetreuung markiert werden; diese wurden als entscheidende Faktoren für Arbeitslosigkeit sowie für die Abhängigkeit von SGB II Zahlungen gesehen. Die besondere Belastung der Einzelnen spiegelt sich aber auch in den begrenzten Möglichkeiten der Kommunen, hier als doppelte Zuständige, sowohl (zu einem gewissen Grad) für die Existenzsicherung der auf Grundsicherung angewiesenen Familien als auch für die Bereitstellung eines qualitativ und quantitativ hochstehenden Kinderbetreuungsangebots. Sichtbar wurden die besonderen Erschwernisse für einzelne Gruppen unter den Alleinerziehenden, wie etwa jüngere Mütter oder ältere Familienfrauen, da der Arbeitsmarkt selten passende Arbeits- oder gar (Teilzeit-) Ausbildungsangebote bereit stellt und die geforderte Flexibilität eher auf Seiten der Ar-beitssuchenden verortet wird als auf der von Arbeitgebern, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen.

Die deutlich werdende politische Priorisierung eines erwerbsarbeitszentrierten Lebensvollzuges wurde auch in dieser Studie diskutiert, müsste jedoch als grundsätzliche gesellschaftliche Herausfor-derung nicht nur weiter erforscht, sondern vor allem problematisiert werden. Auch für die vielen Facetten der sehr unbefriedigenden Praxis des nachehelichen Unterhalts und der Änderungen im Unterhaltsrecht ist ein deutlicher weiterer Forschungs- und Diskussionsbedarf anzumelden, der über diese kommunale Studie weit hinausreicht.

Aus den Interviews und den Gesprächsgruppen mit Alleinerziehenden konnten folgende komprimierte Ergebnisse gewonnen werden: Der Zugang zum Arbeitsmarkt wird neben den bereits genannten strukturellen Faktoren des Arbeitsmarkts und der Kinderbetreuung durch eine ganze Reihe unterschiedlicher Faktoren beeinflusst, die durchaus in einem Wechselspiel zum institutio-nellen Angebot an Kinderbetreuung und zur Einstellungsbereitschaft von ArbeitgeberInnen stehen. Da sind die Kompetenzen der Einzelnen, vor allem die bisherigen Erfahrungen in Arbeit und Ausbildung; aber auch die problematisierten Männer- und Frauenbilder, wie sie von einem eher überholten Familienernährermodell mitgeformt werden, und ein relativ geschlechterstereotypes Qualifizierungs- Ausbildungs- und Arbeitsangebot; zusätzlich die auf kommunaler Ebene nicht änderbaren Faktoren, wie sie etwa durch den Gender Gap und das überholte Steuerrecht konturiert werden.

Auf der Ebene der Alleinerziehenden selbst wurde sichtbar, dass die teilweise erheblich belastenden Veränderungen durch Trennung und Scheidung, einen (bisweilen übergroßen) Teil ihrer eigenen Ressourcen absorbieren. Last not least erleichtern stabile familiäre und auch institutionelle Netz-werke die vielfältigen Anforderungen an die Alleinerziehenden. Höchst relevant sind die Erfahrungen mit Ämtern und Behörden, die einen Einstieg oder die Kontinuität des Arbeitslebens erleichtern, ermöglichen oder aber auch beeinträchtigen können.

Die im Forschungsprozess sukzessiv entwickelten Handlungsempfehlungen folgen der Absicht, konkrete Maßnahmen vorzustellen, die entweder aus den Interviews oder aus anderen Forschungs- bzw. Projektberichten sowie aus den Erörterungen im Forschungsteam gewonnen wurden.

Die Maßnahmeoptionen richten sich auf drei relevante Handlungsbereiche: eine verlässlich(er)e Kinderbetreuung, verbesserte Zugänge zur Arbeitswelt und ggfs. die nötige Stabilisierung der betroffenen Alleinerziehenden. Die Handlungsempfehlungen wurden auf vier Ebenen angesiedelt:

  • Individuelle AkteurInnen: Betroffene, HelferInnen, PatInnen
  • Wirtschaftliche AkteurInnen: ArbeitgeberInnen, Kammern, Wirtschaftsverbände sowie Arbeitsagentur/Jobcenter
  • Institutionelle AkteurInnen: Behörden, Ämter
  • Gesellschaftliche AkteurInnen: Verbände, Gewerkschaften, Parteien, Kirchen.

 

Prof. Dr. Marianne Kosmann, FH Dortmund;

DiplomSozialarbeiterin Christine Grabowski, Schwerte

 


gedruckt am: 17.12.2018  06:08