Von hier aus: „3D für die Ohren“ im Bochumer Planetarium

Ein Meeresrauschen mit scheinbar unendlicher Weite verteilt sich im Raum, schrill-knatternde Geräusche, die von links nach rechts wandern, irgendwann das Zwitschern von Vögeln und hohe Schreie von Seelöwen aus der Ferne: Ein intensives Sounderlebnis, das den Zuhörer mitten ins Geschehen versetzt. Das Geschehen ist in diesem Fall der Beginn der Geschichte der Erde. Ihre Vertonung haben Dortmunder und Essener Studierende im letzten Jahr in einem ambitionierten Pilotprojekt mit dem Titel „Anthropozän“ im Bochumer Planetarium in die Praxis umgesetzt.

Die Studienrichtung Sounddesign der Fachhochschule (FH) Dortmund und das Institut für Computermusik und elektronische Medien (ICEM) der Folkwang Universität der Künste kooperieren seit zwei Jahren mit dem Bochumer Planetarium. Studierende beider Hochschulen arbeiten im Studienmodul „Audio-Vision“ interdisziplinär zusammen und können in der Bochumer Kuppel frei nach dem Motto „Probieren ist Studieren“ ihr theoretisches Wissen erproben. Sie profitieren dabei von dem in NRW einzigartigen Spatial-Sound-System „Atmosphea“ im Planetarium. Es ermöglicht den Zuhörern ein immersives Hörerlebnis – das heißt das Eintauchen in den Klangraum. Dieses „3D für die Ohren“ weckt beim Zuhören den Eindruck, als bewegten sich die Geräusche frei durch den Raum. Anders als im Kino, wo scheinbar einmal einer rechts, mal einer links spricht, bewegen sich Stimmen und Geräusche von links nach rechts und von vorne nach hinten quer durch den Raum und an der Kuppel des Planetariums entlang.

Jörg Lensing, Professor für Ton- und Klanggestaltung an der Fachhochschule Dortmund, ist begeistert von der Möglichkeit, die das Planetarium ihm und seinen Studierenden ermöglicht: „Die Dimension des Klangs erschließt sich in der Kuppel in einer neuen Weise für uns.“ Auch Thomas Neuhaus, Professor für Musikinformatik an der Folkwang-Universität, sieht den Klangraum der Kuppel als eine akustische Herausforderung: „Seit den 50er Jahren arbeiten Komponisten elektroakustischer Musik daran, Klänge im Raum frei zu positionieren und zu bewegen. Aber erst mit den heutigen technischen Möglichkeiten ist das so differenziert möglich, wie im Planetarium. Für uns ist es definitiv eine Herausforderung mit diesen technischen Möglichkeiten kompositorisch umzugehen.“

Die Idee zur Zusammenarbeit kam Tobias Wiethoff, dem technischen Leiter des Planetariums. Als ehemaliger Student der FH Dortmund erinnerte er sich an die Fachrichtung Sounddesign seiner Hochschule und schrieb kurzer Hand den Dekan der Hochschule an. Schon nahm die Zusammenarbeit seinen Lauf. Tobias Wiethoff gibt seither den Studierenden aus dem Ruhrgebiet technischen Support in der Kuppel und lernt so wiederum auch selbst neue Aspekte des Sounddesigns kennen. Das Planetarium fördert damit nicht nur die interdisziplinäre Zusammenarbeit und Vernetzung im Ruhrgebiet, sondern es profitiert auch selbst von der Zusammenarbeit mit den Hochschulen. Das neu erlernte Wissen kann wieder in die Produktionen des Planetariums einfließen und das bedeutet, dass langfristig auch alle Gäste des Planetariums von der Kooperation profitieren.

„Die Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Dortmund und der Folkwang-Universität zeigt die Vielseitigkeit des Planetariums als Ort der technischen und künstlerischen Innovation. Das Planetarium bringt Technik, Kunst und Musik zusammen und schafft einen fächerübergreifenden Begegnungs- und Forschungsraum“, erklärt Professorin Susanne Hüttemeister, Leiterin des Planetariums. Sie freut sich auf die nächsten Jahre der Zusammenarbeit und möchte auch weiterhin die „Klanggewalt“ aus dem Ruhrgebiet in Bewegung halten, in Bochum und darüber hinaus: Im nächsten Jahr präsentiert sich das Ruhrgebietstrio mit seinen innovativen Ideen wieder in Bochum und auf dem internationalen FullDomeFestival in Jena. Interessierte können das studentische „Anthropozän“ voraussichtlich an einem Termin im Januar 2018 im Planetarium hören und erleben.